Veröffentlicht: 09.12.10
Campus

Erfolg mit Licht und Schatten

Die ETH will die Frauen besser fördern, muss eine finanzielle Baisse überbrücken und den Engpass bei Infrastruktur und Immobilien bewältigen. Und das alles bei scharfem internationalen Wettbewerb und steigenden Studierendenzahlen. Das waren die Botschaften am Weihnachtsapéro der Schulleitung.

Peter Rüegg
Giorgio Broggi und Klaus Ensslin wurden mit dem Goldenen Dreirad für ihren familienfreundlichen Führungsstil ausgezeichnet. (Bild: Thomas Langholz / ETH Zürich)
Giorgio Broggi und Klaus Ensslin wurden mit dem Goldenen Dreirad für ihren familienfreundlichen Führungsstil ausgezeichnet. (Bild: Thomas Langholz / ETH Zürich) (Galerie)

Wie und weshalb sich die Fledermaus, die plötzlich über den Köpfen der Zuhörenden ihre Kreise zog (und dank ihrer natürlichen Hightech-Ausstattung nicht in die Wand donnerte, sondern zielgerichtet das Hintertürchen fand), sich in das Audimax verirrte, blieb ihr Geheimnis. Kein Geheimnis aus dem Befinden der ETH Zürich machte indes ETH-Präsident Ralph Eichler, der seine Ansprache «zur Lage der Nation» anlässlich des Weihnachtsapéros trotz der irrlichternden Fledermaus unbeirrt durchzog. Abnehmende Einnahmen, wachsende Studierendenzahl, Engpass bei den Immobilien und der Infrastruktur: die Sorgen der Schulleitung werden nicht weniger.

Zum Glück konnte Ralph Eichler auch Erfreuliches berichten. In den verschiedenen Rankings geht es mit der ETH und einigen ihrer Fachrichtungen aufwärts. ETH-Forschende stehen wichtigen gesamtschweizerischen Forschungsinitiativen vor, wie etwa dem Nationalen Forschungsschwerpunkt MUST, der sich mit ultraschnellen Phänomenen befassen wird.

Ralph Eichler zeigte zudem auf, dass sich die ETH in Zukunft auf einige grössere Themen fokussieren werde, um entscheidende Beiträge zu globalen Herausforderungen leisten zu können. Dazu zählte er unter anderem nachhaltiges Bauen, Systembiologie, Gesundheitswissenschaften und Medizintechnik, Energie Schweiz 2050, Hochleistungsrechnen, aber auch das Welternährungssystem sowie Computer- und Quantenwissenschaften.

Neue Departemente

Aufgrund dieser strategischen Ausrichtung wird die Struktur der Departemente angepasst. Die Agrarwissenschaften werden mit dem bisherigen Departement Umweltwissenschaften ein neues Departement gründen, das den Arbeitstitel Umweltsystemwissenschaften (D-USYS) trägt. Die Lebensmittelwissenschaften werden in das neue Departement Gesundheit und Medizintechnik D-HEST eingegliedert, das dazu neue Studiengänge anbieten wird. Auf Masterstufe sind drei Vertiefungsrichtungen geplant: Humanbewegungswissenschaften, molekulare Gesundheitswissenschaften und Gesundheitstechnologien. Dazu stellte Ralph Eichler zwei neue Initiativen in Aussicht, nämlich eine für integratives Risikomanagement, das verschiedene Kompetenzen bündelt, und die Initiative für nachhaltiges Bauen, das Professuren der Architektur bis hin zur Materialwissenschaft vereinigt.

Sorgen bereitet dem ETH-Präsidenten die Finanzlage. Er rechnet damit, dass sich die Schere zwischen Einnahmen (bei den Bundesmitteln) und Mittelbedarf in den nächsten drei Jahren öffnet. Ab 2013 rechnet die Schulleitung mit einer Erholung der Finanzen. Für 2011 und 2012 aber müssen alle Bereiche der ETH total 50 Mio. Franken einsparen. Durch die Auflösung zentraler Liquiditätsbestände der Schule will Eichler von 2011 bis 2014 180 Mio. «Gewinn» erzielen.

Mehr Drittmittel

Für 2011 erwarten die Finanzauguren der ETH einen starken Zuwachs von einem Fünftel bei den Drittmitteln. Bei der Einwerbung von EU-Geldern liegen ETH-Forschende im nationalen Vergleich weit vorne: in den letzten drei Jahren haben 20 Wissenschaftler erfolgreich ERC Advanced Grants eingeworben, und sechs Nachwuchsforscher erhielten Starting Grants. Ähnlich erfolgreich war nur die EPFL, die zwar mehr Nachwuchs-Fördergelder erhielt, aber weniger Advanced Grants. Die ETH Zürich ist zudem die Hochschule, an der am zweitmeisten SNF-Förderprofessuren beheimatet sind.

Dieser Erfolg hat auch eine Kehrseite: Anders als etwa an US-Hochschulen werden hierzulande bei Drittmitteln die dazu anfallenden Infrastrukturkosten – etwa Büros und Labors - nicht oder zu wenig abgegolten. Das heisst: Diese Kosten müssen aus eigenen Mitteln beglichen werden. «Bei den Immobilien besteht im Moment der grösste Engpass», machte Eichler klar. Unter anderem deshalb sinkt der Anteil der die Mittel für Lehre und Forschung von gegenwärtig 42 Prozent auf 36 Prozent.

Frauenanteil nicht im Soll-Bereich

Nicht besonders zufrieden ist der ETH-Präsident mit dem Frauenanteil. Dieser hat bei den Studierenden seit 2003 stagniert und beträgt derzeit 30,6 Prozent, angepeilt sind 35 Prozent. Bei den Doktorierenden hat der Frauenanteil dagegen kontinuierlich zugenommen und liegt nur unwesentlich unter dem der Studierenden. Auch hier sind 35 Prozent das Zwischenziel. Das Ziel erreicht wurde beim Anteil von Professorinnen: Sie stellen mittlerweile 8,3 Prozent der Professorenschaft. Eine grosse Diskrepanz sieht Eichler hingegen beim wissenschaftlichen Mittelbau, wo erst ein Viertel Frauen arbeiten, der Anteil aber eigentlich 30 Prozent betragen sollte. Zudem fallen auf dem Weg zwischen Studium und Professur viele Frauen aus dem Rennen.

Die ETH betreibt deshalb neu ein Gender-Monitoring und will 2011 insbesondere herausfinden, auf welcher Stufe und aus welchen Gründen Frauen durch die Maschen fallen. Neben der Datensammlung – und –analyse soll das Monitoring auch Massnahmen entwickeln, die helfen, den Frauenanteil zu erhöhen. Eichler kündigte an, dass im kommenden Jahr ein Genderbericht herauskommen soll, in dem Maturanden und Maturandinnen sowie aus der ETH austretende Wissenschaftlerinnen nach ihrem Grund für den Austritt befragt werden.

«Die ETH Zürich wird in der Schweiz sehr geschätzt», sagte Eichler zum Schluss, «gleichzeitig erwartet man von uns auch viel.» Durch gute Ausbildung und Füllen der Wissenspipeline wolle die ETH zum Wohl des Landes beitragen. Zum Erfolg würde auch die Vielfalt der Talente mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen beitragen. Damit das Zusammenleben klappe, sei gegenseitiger Respekt und Teamgeist unverzichtbar.

Zwei Goldene Dreiräder

Zum erstenmal zeichnete die Akademische Vereinigung des Mittelbaus an der ETH (AVETH) zwei Personen mit dem Goldenen Dreirad aus: Giorgio Broggi, Leiter der Abteilung Betriebsinformatik der Informatikdienste, und Klaus Ensslin, Professor für Festkörperphysik. Mit dem Goldenen Dreirad ehren die AVETH und die Stelle für Chancengleichheit (Equal) seit 2007 alljährlich besonders familienfreundliche Vorgesetzte.
Mit Giorgio Broggi erhielt erstmals eine Führungsperson aus der Administration die Auszeichnung. Seine Mitarbeitenden schrieben in der Nominierung, dass Broggi in ihnen nicht nur die Fachperson sehe, sondern sich auch für ihre Familien interessiere. Er führe konsequent mit Zielvereinbarungen, was in der Abteilung Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten ermögliche, in manchen Fällen auch Heimarbeit, sagte Broggi. Seine Angestellten können den Familienbegriff nicht nur auf Kinder beziehen, sondern auch die Betreuung betagter Eltern stösst bei ihm auf Verständnis. Broggi hat selber vier Söhne im Alter zwischen zwei und neun Jahren. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes hat er sich den Urlaub mit seiner Frau, die ebenfalls an der ETH arbeitet, geteilt – die ersten zwei Monate blieb sie zu Hause, die folgenden zwei Monate er.
Auch Klaus Ensslin hat Kinder, sie sind 11, 13 und 16 Jahre alt. Ensslin sagt: «Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die ihre Vorstellung von Familie ausleben können, sind oftmals effizienter als Personen, die sich zu hundert Prozent mit der Wissenschaft beschäftigen.» Jedoch könne ein volles Engagement für Wissenschaft und Familie einen oftmals an die Grenze bringen. Die Mitarbeitenden von Klaus Ensslin schätzen sein Verständnis und seine Flexibilität in familiären Fragen. Eine Doktorandin berichtet, dass sie in ihrer Schwangerschaft von potenziell gefährlichen Arbeiten mit Chemikalien befreit und von Unterrichtsverpflichtungen entlastet wurde. Falls nötig kann bei Ensslin die Arbeitszeit flexibel gestaltet werden, zudem ermöglicht er Teilzeitarbeit. Und nicht zuletzt stellen seine Mitarbeitenden fest, dass Ensslin ehrliches Interesse für ihre Kinder zeigt und diese auch im Büro willkommen sind.

Weihnachtsapéro auf dem Hönggerberg

Die Schulleitung wird am Freitag, 10. Dezember, auch die Professorenschaft und die Mitarbeitenden auf dem Campus Hönggerberg zum Weihnachtsapéro empfangen. Nach der Ansprache von ETH-Präsident Ralph Eichler werden die Angemeldeten mit Essen und Trinken verwöhnt.
Weihnachtsapéro, Freitag, 10. Dezember 2010, 16:45 bis 17:30 Uhr, Science City, HPH-Gebäude, Hörsaal G1, mit anschliessendem Apéro im Foyer. Anmeldung: registration@hk.ethz.ch

 
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