Exzellenz erhalten
Der 155. ETH-Tag stand ganz im Zeichen der Lehre. Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach sprach über die Budgetautonomie der ETH Zürich und ging auf die Frage der Zulassungsbeschränkung für ausländische Studierende zum Masterstudium ein. Die diesjährige Festansprache hielt Bundesrat Didier Burkhalter.
Der rote Teppich, der die Gäste in die festlich erleuchtete Haupthalle geleitete, unterstrich die Bedeutung dieses Tages für die ETH Zürich und ihre Besucher. Zum 155. Mal beging die Hochschule ihren akademischen Feiertag - den ETH-Tag. An diesem Tag der Lehre würdigt die ETH traditionsgemäss herausragende wissenschaftliche Leistungen (siehe ETH Life Artikel vom 20.11.2010). Darüber hinaus berichtet Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach, was für die ETH im vergangenen Jahr wichtig war.
Zulassung und Budgetautonomie
Zehn Jahre nach der Einführung von Bologna wird vor allem die Frage nach der beschränkten Zulassung von ausländischen Studierenden zum Masterstudium heiss diskutiert. Den diesjährigen ETH-Tag nutzte die Rektorin, um auf dieses Thema einzugehen und es gleichzeitig in den grösseren Kontext der Budgetautonomie einzubetten, die der ETH Zürich vor sieben Jahren mit dem revidierten ETH-Gesetz übertragen wurde.
Die ETH Zürich nutzte die Autonomie dazu, Prozesse zu evaluieren und Abläufe effizienter zu gestalten und sich so dynamisch weiterzuentwickeln. Die beiden jüngsten Initiativen sind das beste Beispiel dafür: So hat die Schulleitung beschlossen, die Kräfte im Bereich Umwelt und natürliche Ressourcen zu bündeln und per 1. Januar 2012 eine Reorganisation auf Departementsebene vorzunehmen. Die Agrarwissenschaften werden gestärkt, indem sie mit den Umweltwissenschaften ein neues Departement mit dem Arbeitstitel «Umwelt und natürliche Ressourcen» bilden. Mit dieser Neupositionierung erhält die nachhaltige Landwirtschaft einen grösseren Stellenwert.
Ab 2012 führt die ETH Zürich zudem ihre Kompetenzen in den Bereichen Bewegungswissenschaften, Biomechanik, Rehabilitationstechnologie, Neurowissenschaften und Lebensmittelwissenschaften im neuen Departement «Gesundheitswissenschaften und –technologien» zusammen. Ein Neubau in nächster Nähe des Universitätsspitals soll ab 2016 dazu dienen, die gute Zusammenarbeit mit Medizinern und Forschern der Universität Zürich und des Universitätsspitals weiter zu stärken. Ab Herbst 2011 wird zudem ein neuer Bachelor-/Master-Studiengang entwickelt, der eine zukunftsweisende Ausbildung im Spannungsfeld von Mensch – Gesundheit – Technologie bieten wird.
Dramatische Raumsituation
Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach sprach in ihrer Rede aber auch vom «verflixten siebten Jahr» der Budgetautonomie. In diesen sieben Jahren sind die Studierendenzahlen um 23 Prozent, die der Professoren um neun Prozent angestiegen. In der gleichen Zeit sind die Budgetmittel aber lediglich um knapp vier Prozent gewachsen. Die an sich erfreuliche Entwicklung bei den Studierendenzahlen, insbesondere im Ingenieurbereich, hat unterdessen zu einer dramatischen Raumsituation geführt. «Über die nächsten Jahre fallen dringende Bauvorhaben im Umfang von einer Milliarde an», sagte die Rektorin. Da diese Summe grösstenteils aus Budgetmitteln bestritten werden muss, ist die Schulleitung gezwungen, das Globalbudget um zweieinhalb Prozent zu kürzen – sowohl in den Schulleitungsbereichen als auch in den Departementen. «Ein bitterer und unpopulärer Entscheid in Zeiten, in denen andernorts sogar bei weniger guten Leistungen Boni ausgeschüttet werden», gab Heidi Wunderli-Allenspach zu bedenken.
Gerade wenn man sich die Engpässe bei der Infrastruktur ansehe, sei es unrealistisch, Kandidaten aus den europäischen Ländern zu den gleichen Bedingungen aufzunehmen wie die ETH-internen Bachelors. Im letzten Bewerbungszeitfenster sind 2600 Anträge von Bachelors aus 60 Ländern und 600 Institutionen eingegangen. «Um die Qualität zu wahren, ist es nötig, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, die es uns erlauben, bei der Aufnahme von Nicht-ETH-Bacherlors qualitative und quantitative Kriterien anzuwenden». Und da, so Heidi Wunderli-Allenspach, sei die Politik gefordert.
Diamanten der nationalen Schatzkammer
Bundesrat Didier Burkhalter, Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern, hielt am diesjährigen ETH-Tag die Festansprache. Er nahm die Anliegen der ETH-Rektorin in seiner Rede auf, indem er der ETH-Leitung zusicherte, dass der Bundesrat die Entwicklung bei den Zahlen der europäischen Studierenden aufmerksam verfolge und gegebenenfalls auch bereit sei, unpopuläre Massnahmen zu treffen, um die Qualität der Lehre zu sicherzustellen. Der Bildungsminister sprach in seiner Rede von Werten wie Bescheidenheit, Mut und Vertrauen und hob dabei auch die Wichtigkeit der internationalen Vernetzung der Schweizer Hochschulen hervor. Die Schweizer Wissenschaftsdiplomatie, wie sie zum Beispiel im swissnex-Netzwerk heute an fünf Standorten weltweit betrieben werde, schlage Brücken zu internationalen Partnern.
Bundesrat Burkhalter bezeichnete die beiden ETH in Zürich und Lausanne als Diamanten der nationalen Schatzkammer in Sachen Bildung und Forschung. Die Schweiz sei eines der innovativsten Länder überhaupt. «Die Herausforderung für uns besteht nicht darin, an die Spitze zu kommen, sondern darin, auch in zwanzig oder fünfzig Jahren noch in der Spitzengruppe vertreten zu sein», betonte Burkhalter. Um ihre ausgezeichnete Arbeit leisten zu können, bräuchten die Hochschulen auch die nötige Unterstützung. Bundesrat Burkhalter versprach deshalb, dass sich der Bundesrat nicht nur für stabile Rahmenbedingungen, sondern auch für weitestgehende Forschungsfreiheit, Autonomie sowie eine ausreichende Finanzierung der ETHs einsetzen werde.
Der Weg in die Top 10
Gerald Haug, der Präsident der Konferenz des Lehrkörpers und Professor für Klimageologie an der ETH Zürich, thematisierte in seiner Standesrede ebenfalls die Zulassungsfrage und betonte die besorgniserregende Entwicklung des Betreuungsverhältnisses. Das zu niedrige Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden sei auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die ETH in Hochschulrankings weltweit nicht unter den Top 10 rangiere.
Ein weiterer Grund dafür sei aber auch, dass die ETH keine «Volluniversität» sei, sondern fokussiert auf die Natur-und Ingenieurwissenschaften. Doch eine Ausweitung, so Haug, sei nicht nur unbezahlbar und mit der Schweizerischen Hochschullandschaft unvereinbar, sondern auch die falsche Perspektive für die ETH Zürich. «Letztlich geht es darum, die Führungsrolle der ETH in Forschung und Lehre auszubauen». Und das funktioniere unter anderem über eine kluge, vorausschauende Berufungspolitik, in der Gerald Haug eine besondere Stärke der Hochschule sieht. Gleichzeitig forderte Haug die Politiker auf, die Grundfinanzierung jährlich wieder um sechs Prozent ansteigen zu lassen. Nur so könne die ETH auch weiterhin über die Landesgrenzen hinaus glänzen und eine der wichtigsten Botschafterinnen für die Eidgenossenschaft bleiben.
Doch prägten den ETH-Tag natürlich nicht nur hochpolitische Statements, Auszeichnungen und Preise. Für Unterhaltung und Begeisterung sorgte vor allem «Rezero», ein Roboter, der sich nicht auf Rädern, sondern auf einer einzigen Kugel bewegt. Er wurde unter anderem von acht Maschinenbau-Studenten der ETH Zürich als so genanntes Fokusprojekt entwickelt. Würdevoll umrahmt wurde die Feier vom Akademischen Orchester unter der Leitung von Johannes Schlaefli mit Werken des norwegischen Komponisten Edvard Grieg.
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