Auch Schweine brauchen Leadership
Alles fing damit an, dass ich, leicht gelangweilt, beim Zappen auf eine Sendung über Team-Seminare einer Firma aus dem Fricktal gestossen bin. Ich sah Bilder von Schweinchen und Menschen. Letztere versuchten, die Tiere zu lenken und zu führen. Das klang spannend. Als Pferdefreundin war mir bekannt, dass Führungs- und Teamseminare mit Pferden angeboten werden, aber solche mit jungen Schweinen? Das war mir neu. Zu Beginn war ich skeptisch und fand die Idee etwas bizarr, aber je länger ich der Sendung folgte und darüber nachdachte, desto spannender und reizvoller erschien mir diese Idee, denn Schweine kann man ja nicht so gut dressieren.
Als wir in diesem Jahr den abteilungsinternen SGU Teamtag planten, kam mir dieses Schweinchen-Seminar wieder in den Sinn und ich dachte mir, dass wir dies ausprobieren könnten. Das wäre eine komplett neue Erfahrung für alle.
An einem Septembermorgen reisten wird also nach Gipf-Oberfrick. Die Trainerinnen führten uns in das Wesen dieser Tierart ein. Die Schweine, so sagte man uns, spiegeln die Teamsituation: Wenn zu viel Druck auf das Schwein ausgeübt wird, sabotiert es einen. Ist man zu leger, machen die Schweine, was sie wollen.
Wir wurden in Fünfergruppen zu Gruppen von sieben Schweinen geführt. Die Aufgaben wurden uns erklärt, wir hörten aufmerksam zu und machten uns Gedanken, wie das über die Bühne gehen würde. Keiner von uns hatte einen Bezug zu Schweinen. Um die Schweine zu lenken, erhielten wir einen Besen. Mit den Händen in gebückter Haltung hätten wir die Schweine natürlich auch lenken können. Die Krümmung wäre wahrscheinlich geblieben, was die gesunde Haltung, welche die SGU allen ETH-Mitarbeitenden derzeit beliebt macht, nicht gerade fördert.
Die erste Aufgabe war, die Schweine aus dem Stall auf eine nahe gelegene Wiese zu treiben. Naja, wird ja nicht so schwierig sein, ist ja gleich um die Ecke, dachte ich. Doch es stellte sich als saumässig schwierig heraus: Wir öffneten die Stalltüre, die süssen Schweinchen trotteten zuerst brav dahin, bis eines auf die Idee kam rechts abzubiegen, zwei andere gingen einfach geradeaus weiter. In der Richtung lag unmittelbar benachbart ein Pferdestall mit verlockenden, wohlriechenden Pferdeäpfeln. Dort fanden wir öfters ein bis zwei der uns verloren gegangenen Tiere. Der Rest der Herde schliesslich bog einfach nach links ab.
Wir eilten ratlos mit unseren Besen hinterher und versuchten, wieder eine Traube zu bilden, was natürlich nicht gelang. Also versuchten wir, die Schweine wieder zurückzuholen und machten uns erneut an die gestellte Aufgabe. Noch ein Nachteil: Die Wiese war nicht eingezäunt. So trotteten diese netten Kreaturen in alle Himmelsrichtungen. Sie machten mit uns, was sie wollten. Sie sabotierten uns. Sobald sie auf der Wiese angelangt waren, sausten sie immer wieder um den Stall herum und den Hang hinunter - und wir hinterher. Oft dachten wir, dass dies eine «mission impossible» ist. Bis wir merkten, dass - wie im Berufsalltag - in der Planung unserer Aktionen und in einer guten Teamabstimmung die Lösung lag.
Im Verlaufe des Tages beobachteten wir die Eigenheiten der Schweine und wussten schliesslich, auf welche Zeichen wir achten sollten und wie wir uns als Team am besten gegen die schlauen Tiere durchsetzen konnten, vor allem gegen die versuchten Sabotagen. Sobald wir im Team das Vorgehen Schritt für Schritt durchdachten und die Regeln befolgten, wurden wir von Stunde zu Stunde erfolgreicher und konnten schliesslich die Schweine tatsächlich dorthin lenken, wo wir sie haben wollten. Wir lernten, die Schweine so zu nehmen, wie sie sind, und dies auch zu akzeptieren. Es herrschte kein Chaos mehr, sondern wir waren ruhig und konsequent - und die Schweine waren es auch und folgten den Anweisungen.
Das hätten wir am Morgen früh nie für möglich gehalten. Wir haben die Aufgaben des Tages meist erfolgreich geschafft: die Wiese haben wir mit der ganzen Schweinchen-Gruppe erreicht. Wir schafften, dass die Tiere teilweise Slalom liefen und am Schluss konnten wir sogar ein Wettrennen über die Wiese durchführen.
Mit der Wahl dieses Seminars habe ich - Schwein gehabt. Die
Tiere haben uns aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass wir alle am gleichen
Strick ziehen. Den Besen brauchen wir im Alltag zwar nicht dazu und den
Bückling müssen wir auch nicht machen. Zu den wichtigen Erkenntnissen, die wir
an diesem Tag mit den Schweinen gewonnen haben, gehören: genaue Beobachtung, voraus
schauende Planung, Akzeptanz der Eigenheiten und Konsequenz in den
Handlungen der Führungspersonen sind im Alltag und in der Zusammenarbeit im Team sehr wichtig,
damit sich weder Sabotage noch das gefürchtete «Jeder macht das, was er will»
einstellen. Und natürlich hoffe ich auch, dass wir uns auch längerfristig bei Teamdiskussionen an
den Tag bei und mit den Schweinen erinnern.
Zur Autorin
Katherine (Spitzname: Cookie) Timmel ist die Leiterin des Stabs Sicherheit, Gesundheit und Umwelt (SGU) an der ETH. Sie studierte Zoologie an der Uni Zürich und arbeitete danach sechs Jahre für Greenpeace. Nach ihrem Engagement bei dieser NGO wollte sie an der Lösung von Problemen aktiv mitarbeiten und stieg bei der Bauchemie-Firma Sika als Umweltbeauftragte F+E ein. Dann wechselte sie zur Beratungsfirma Ecosens, wo sie Managementsysteme aufbaute und unter anderem die Sicherheit und Umweltanliegen im Rahmen von Due Diligence Audits bei Unternehmensverkäufen und –käufen prüfte. 1998 wechselte sie zu Shell, wo sie knapp zehn Jahre für Sicherheit, Umwelt und Gesundheit im Tankstellengeschäft des deutschsprachigen Raums und später ganz Europas zuständig war. Seit drei Jahren nun arbeitet Cookie an der ETH für SGU. Neben ihrer Arbeit ist es ihr wichtig, viel Freizeit mit ihrer 12-jährigen Tochter und den Pferden zu verbringen. Sie spielt Klavier und liest mit Vorliebe Fachbücher. Verhaltensforschung ist seit ihrem Studium ihr Steckenpferd. Das Thema Drohverhalten, Aggression und Gewalt interessiert sie besonders.
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