Grenzen ziehen
Wo hört der Job auf, wo beginnt «die gegenseitige Hilfe»? Globetrotterin Judith Sitters macht sich Gedanken über ihre Rolle als Chefin von drei wichtigen Angestellten des Feldprojekts im Saadani Nationalpark. Um dieses schwammige Verhältnis zu klären, habe sie Grenzen ziehen müssen, schreibt sie in ihrem neuen Beitrag.
In Saadani arbeiten drei wichtige Leute für uns: unser Koch Benjamin, unser Feldassistent John sowie Macarena, die Frau von Benjamin. Benjamin ist bei dem Forschungsprojekt von Anfang an dabei gewesen und arbeitet seit beinahe zehn Jahren für uns. Er ist ein hervorragender Koch, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Die beste Rösti meines Lebens habe ich in Tansania gegessen. Natürlich mag der Gedanke, einen Koch zu haben, vielen Leuten seltsam erscheinen, aber ich habe festgestellt, dass es toll ist, wenn sich jemand Anderes um diese Aufgabe kümmert. Nach einem langen Tag draussen im Park kommen wir oft hungrig zurück, und was könnte schöner sein, als sich an den gedeckten Tisch zu setzen und, nachdem man allerseits 'karibu chakula' ('En Guete') gewünscht hat, sich über das Essen herzumachen.
Benjamin ist nicht nur unser Koch, sondern auch Hausmeister, und er weiss alles, wenn es um frühere Studenten oder Professoren geht. Zudem übersetzt er und sieht nach dem Rechten, wenn wir mit fundi (Handwerkern), fundi ya umeme (Elektrikern), fundi ya maji (Sanitär) oder anderen Arbeiten am Haus zu tun haben. Er hat viel Erfahrung mit Studenten aus Europa, die nicht so gut Swahili, die Amtssprache Tansanias und die einzige, die unsere Angestellten verstehen, sprechen, die unterwegs auf komische Ideen kommen (z.B. frischen Tierkot aufzulesen) oder vor lauter Malariaangst panisch werden (weshalb er uns sofort ins Spital schickt, wenn wir in der drückenden Hitze über Kopfschmerzen klagen).
Mittlerweile geht er auf die 60 zu und wird langsam ein Mzee (ein Senior) – mit den typischen Gesundheitsproblemen und einer gewissen Verdriesslichkeit, wenn die Dinge mal nicht so laufen, wie er sie sich gedacht hat; er ist bestimmte Dinge einfach gewöhnt. Gleichwohl ist er ein freundlicher, humorvoller Mann, ohne den wir es in Saadani schwer gehabt hätten, besonders am Anfang, als alles neu war und wir keinen Schimmer hatten, was wir hier zu suchen haben.
John wohnt direkt am Eingang zum Park. Wer vorbeifährt, sieht auf der einen Strassenseite ein Haus, in dem seine erste Frau lebt, und gegenüber auf der anderen Strassenseite eines, wo seine zweite Frau wohnt. Seine zwölf Kinder rennen von einem Haus zum anderen, und immer wenn wir John absetzen, wird er von einer Kinderschar im Chor begeistert mit «Baba, Baba!» ('Papa, Papa!') empfangen. Hin und wieder hört man ein «Babu, Babu!» ('Grossvater, Grossvater!'), da auch die Kinder seines ersten Sohnes mit im Haus wohnen.
John arbeitete in Saadani, als es noch eine Rinderfarm war. Er passte nachts auf das Vieh auf. Als Saadani zum Nationalpark erklärt wurde, war er für die Parkverwaltung tätig, und 2002 wurde er unser treuer Feldassistent. Er ist ein erstklassiges GPS, kennt den Busch wie seine Westentasche, ist mit der Arbeit der früheren Studenten vertraut, kann selbst in der Mittagshitze noch Zäune bauen und hat das beste Saddam-Hussein-T-Shirt der Welt (das er voller Stolz trägt, obwohl wir uns manchmal wundern, ob er überhaupt weiss, wer der Mann war, aber wir trauen uns nicht zu fragen…)
Macarena ist die Frau von Benjamin. Sie kommt immer mit zum Park, wenn wir dort sind. Sie kann ebenfalls hervorragend kochen und verköstigt mich in Mkwaja, wenn Annette mit Benjamin in Saadani ist. Das bedarf einer kurzen Erklärung: Der Saadani-Nationalpark teilt sich in einen nördlichen und einen südlichen Teil, Mwkaja und Saadani. Ich arbeite in beiden Parkteilen. Mkwaja war ursprünglich eine Rinderfarm, Saadani eine Sisalplantage. Durch die Rinder und die Überweidung, aber auch durch den mit ihrem Dung verbundenen Nährstoffeintrag, kam es in Mkwaja zu einer Verbuschung. Die Savanne, die durch offenes, mit Bäumen durchsetztes Grasland gekennzeichnet ist, wich einer Buschlandschaft, in der nur wenige Weidetiere ihren Nahrungsbedarf decken können. Deshalb verfügt Mkwaja über keine grosse Pflanzenfresserpopulation. Im Gegensatz zu Saadani kann ich hier die Nährstoffflüsse in Abwesenheit der Herbivoren beobachten und durch den Vergleich der beiden Gebiete den Effekt bestimmen, der von den Pflanzenfressern ausgeht. Annette, die sich viel besser mit Zoologie auskennt als ich, erforscht vor allem die Tiere in Saadani. Sie ist dort dauerhaft angesiedelt, und Benjamin begleitet sie.
Wenn ich also in Mkwaja bin, dann kocht Macarena für mich. Sie ist viel jünger als Benjamin und anscheinend seine zweite Frau (obwohl wir das erst in der aktuellen Feldsaison herausgefunden haben!). Die beiden haben ein strenges Verhältnis miteinander, wie es hier typisch ist für Eheleute: Macarena spricht kaum in Benjamins Gegenwart. Und wenn Benjamin in der Küche einen Löffel fallen lässt, hebt Macarena ihn auf. Sie würde nie ihre Meinung kundtun, wenn er dabei ist. Wenn wir hingegen allein sind, ist sie überaus gesprächig, scherzt mit John herum und ist kein Bisschen schüchtern, wenn sie etwas haben will. Aber so leben verheiratete Paare hier nun mal, besonders in den ländlichen Gebieten Tansanias.
Manchmal frage ich mich, was Benjamin über uns junge, weisse Studentinnen denkt, für die er arbeiten muss und die für die Zahlung seines Lohns zuständig sind. Für einen älteren Mann, der von seinen Frauen und Kindern den Respekt bekommt, der ihm seiner Meinung nach gebührt, dürfte das schwer zu akzeptieren sein. Natürlich sind wir uns seiner Position bewusst, und mir fällt es schwer, die Chefin eines 30 Jahre älteren Mannes zu sein. Aber die bin ich nun mal, und ich begreife das als Herausforderung.
Das Schwierigste ist, dass die Leute sich von uns abhängig machen, wenn wir in Saadani sind. Sie sind dann scheinbar zu keiner eigenständigen Handlung mehr fähig. Alle Entscheidungen hängen von unserer Hilfe oder unserem Geld ab. Und da diese Menschen hier so eng mit uns zusammenleben, wird die Grenze zwischen unseren Rollen als Freunde oder Vorgesetzte zunehmend verwischt, und es fällt mir schwer, diese Unterscheidung aufrechtzuerhalten. Besonders Benjamin hat Schwierigkeiten mit der Rollenverteilung. Er sagt stets zu uns: «Ich helfe euch, und ihr helft mir.» Aber das stimmt natürlich nicht: Wir bezahlen ihn für seine «Hilfe», es ist sein Job und keine freundschaftliche Geste. Wo soll man die Grenze ziehen?
Wir haben beispielsweise ein Forschungsbudget, aus dem wir alle forschungsbezogenen Ausgaben tätigen: Genehmigungen, Ausrüstung, Autoreparaturen. Die Lebensmittel werden aus unserem persönlichen Budget bezahlt und sind auch für Benjamin, Macarena, John und Ali (Macarenas und Benjamins Sohn), wenn wir hier sind. Das bedeutet, dass sie während unseres Aufenthalts mehrere Monate kein Geld für ihre Mahlzeiten ausgeben müssen. Gleichwohl wird das als normal betrachtet, weil wir im Vergleich zu ihnen reich sind, und so fällt das unter die Regel «Ich helfe euch, und ihr helft mir.»
Ausserdem zahlen wir die Arztrechnungen, wenn sie in die Klinik müssen, und ich war schon einige Male mit ihnen dort. Wenn Macarena schlimme Bauchschmerzen hat, wartet sie lieber, bis ich sie ins Spital fahren kann, als dass sie allein hinfahren würde, selbst wenn ich ihr die Fahrkarte und die Arztrechnung bezahle. Wahrscheinlich lohnt es sich, wenn ein mzungu (Weisser) einen ins Spital begleitet, weil ich nicht stundenlang zu warten bereit bin, ohne zu wissen, ob sich jemand um den Fall kümmert und wir heute den Arzt noch zu Gesicht bekommen.
Doch man fragt sich, was diese Leute machen, wenn wir nicht hier sind. Müssen sie dann nicht auch in die Klinik fahren? Haben sie keine Stromrechnungen zu bezahlen? Brauchen sie niemanden, der etwas für sie transportiert? Das klingt vielleicht hart, aber wahrscheinlich versuchen sie, unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil es für sie so am leichtesten ist und wir ein schlechtes Gewissen hätten, wenn wir nein sagen würden. Besonders am Anfang ging mir das so, weil mir bewusst war, dass ich viel mehr Geld habe und es mir nicht wehtut, etwas davon für Leute auszugeben, die ich gern habe. Doch sobald man den kleinen Finger gibt, möchten sie die ganze Hand. Letztlich musste ich Mobiltelefone zurückbringen, Solarzellen in Dar-es-Salaam abholen, mit ihnen diskutieren, ob ich ihnen Geld für ein viel zu teures Motorrad leihen soll, und ganze Tage im Wartezimmer des Spitals verbringen. Irgendwann habe ich gesagt: Es reicht, ich bin nach Tansania gekommen, um für meine Doktorarbeit zu forschen, und nicht, um Menschen zu betreuen, die in meiner Abwesenheit gut allein zurechtkommen.
Seit einer Weile sind die
Grenzen klar abgesteckt. Wir helfen ihnen so
viel wir können und fahren sie bei Bedarf ins Spital, aber wir versuchen,
solche Gefälligkeiten zu begrenzen und darauf hinzuwirken, dass sie die Sachen zuerst
selbst in die Hand nehmen. Wir leihen ihnen kein
Geld mehr, sondern wir geben ihnen einen Lohnvorschuss, wenn sie eine grosse
Ausgabe zu tätigen haben. Das scheint gut zu
funktionieren. Natürlich gibt es immer
noch schwierige Situationen, in denen ich nicht als hartherzige Chefin dastehen
möchte, aber ich bin halt die Chefin, und obwohl ich einem 60-jährigen
Mann keine Vorträge über seine Finanzen halten möchte, bin ich mittlerweile
klar in dem, was er von mir bekommen kann und was nicht. Dieses System scheint für uns alle positiv zu sein, und
es ist gut zu wissen, wo man in Saadani steht.
Zur Autorin
Judith Sitters stammt aus den Niederlanden, obwohl sie in Sambia und Kenia aufgewachsen ist. Im September 2008 kam sie an die ETH Zürich, um hier ihre Doktorarbeit in der Gruppe für Pflanzenökologie zu beginnen. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Auswirkungen von Pflanzenfressern auf den Nährstoffkreislauf in der Feuchtsavanne des Saadani-Nationalparks von Tansania. Sie reist deshalb zweimal pro Jahr für mehrere Monate nach Ostafrika, um dort ihre Feldarbeit durchzuführen. Zurzeit weilt sie wieder in Tansania für ihre letzte Feldsaison, ehe sie die restlichen Monate ihrer Dissertation vor dem Computer an der ETH verbringen wird. Ihre Doktorarbeit soll im September 2011 abgeschlossen sein.
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