Veröffentlicht: 08.09.10
Kolumne

Zwischen Prüfung und Resultat

Julia Moser
Julia Moser, Maschinenbau-Studentin 6. Semester. (Bild: zVg J. Moser)
Julia Moser, Maschinenbau-Studentin 6. Semester. (Bild: zVg J. Moser) (Galerie)

Es ist Anfang September und für die ETH-Studenten ist die Prüfungssession vorüber, nicht aber das Warten auf die Resultate. Besonders für die über 2000 Studenten, die diesen Sommer die Basisprüfung abgelegt haben, war die Session eine Bewährungsprobe. Spätestens am 16. September wird die E-Mail-Nachricht da sein. Betreff: Resultatmeldung. Nicht irgendeine unpersönliche Nachricht mit Werbung für einen Workshop oder eine Aufforderung, doch an dieser und jener Umfrage teilzunehmen (Chance 3x50 Franken zu gewinnen!), sondern eine Nachricht, die jeden persönlich betrifft. Oder ist «persönlich» nicht das richtige Wort?

Eine Prüfungssession und die Vorbereitung darauf sind kein Spaziergang, wohl für niemanden. Umso grösser ist die Erleichterung, wenn es bei der letzten Prüfung heisst: Die Zeit ist um. In solchen Momenten hört man, wie Champagnerflaschen entkorkt werden, ich selber gehöre eher der Bier-Fraktion an.

Die Stimmung nach der letzten Prüfung ist toll. Fürs Erste ist man glücklich und vor allem erleichtert. Wie die Prüfung gelaufen ist, ist hier nicht das Gesprächsthema Nummer eins, sondern: Wo geht ihr heute feiern? In der Alten Börse, im Kaufleuten, zuhause bei Freunden oder: «Sorry, cha nöd, ga morn id Ferie...» Aber fürs Anstossen nach der Prüfung, dafür haben die meisten Zeit. Denn Zeit hat man jetzt: Das wochenlange Auswendiglernen, Schreiben von Zusammenfassungen und Lösen von Übungsserien hat ein jähes Ende gefunden.

Wirklich? Vielleicht wird das Resultat nicht erfreulich sein. Bei der Basisprüfung zählen zumindest bei uns Maschinenbaustudenten alle Prüfungen zusammen und dann heisst es: Entweder ist das erste Jahr definitiv abgeschlossen oder man muss in elf Monaten nochmals antreten. Letzterer Gedanke ist unangenehm und er wird nach der letzten Prüfung idealerweise verdrängt.

Denn was nützt es, sich darüber noch Gedanken zu machen? Man hat sein Bestes gegeben oder hat es zumindest versucht (ja, ich weiss, diese Ach-das-hätte-ich-ja-eigentlich-gekonnt-Gedanken sind unschön) und nun sind die Prüfungen abgegeben, werden korrigiert und bewertet... wenn man sie wirklich abgegeben hat. Ein Bekannter packte die Prüfung aus Versehen ein. Das kostete ihn dann leider eine Ehrenrunde (und nein, ich meine nicht die Runde, die er eine Stunde später im Eiltempo auf dem Fahrrad nochmals auf den Hönggerberg machte) ...

Nach der Prüfungssession heisst es: abschalten, an die anderen Dinge im Leben denken, für die man die vorherigen Monate zu wenig Zeit hatte. Die Relation wieder herstellen, dass das Studium nur ein Teil des Lebens ist und dass die Welt auch dann nicht untergeht, wenn man nicht besteht. Jetzt sind Freunde und Familie dran und Fragen, ob Heineken oder Quöllfrisch, ob die Badehose von letztem Jahr auch dieses Jahr noch taugt, ob man heute oder erst morgen wieder einmal shoppen geht und um welche Zeit man am Flughafen sein muss...

Zwischendurch taucht der Gedanke auf, dass der Tag der Resultatmeldung näher rückt. Es gibt Leute, denen es gut gelingt, alles, was mit «P» anfängt und mit «rüfungen» aufhört, zu vergessen oder zu verdrängen. Anderen will dies nicht gelingen. Eine Kollegin meinte, sie wisse gar nicht, ob sie ihre Ferien überhaupt verdient habe. Aber klar doch! antwortete ich ihr. Denn jeder hat hart gearbeitet und somit Ferien verdient.

Nun ist es durchaus verständlich, dass einen die Gedanken an die Resultate manchmal nicht loslassen... Dabei geht es nicht nur um die Studenten, bei denen es knapp werden könnte. Für diejenigen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit durchkommen werden, ist es oft auch nicht unbedeutend, mit welchen Noten sie bestehen, denn es geht eben auch um Aufwand und Ertrag: Was erwarte ich im Verhältnis zu dem, was ich während eines Semesters oder sogar während eines Jahres in mein Studium gesteckt habe? Es ist nichts Falsches daran, mit den Gedanken an einzelnen Prüfungsaufgaben hängen zu bleiben. Schliesslich hat man sich soeben ein oder zwei Semester mit dem Stoff befasst. Es ist nervaufreibend, von einer vergangenen Prüfung zu träumen, aufzuwachen und das Resultat plötzlich zu wissen, auf das man in der Prüfung nicht gestossen ist. Es gibt Schöneres, als darüber nachzudenken, wer zu denen gehören wird, die statistisch gesehen jährlich durchfallen... Von Statistik will man jetzt nämlich nichts wissen, sondern einen interessiert: Haben meine Freunde und ich bestanden?

Für eine Studienrichtung hat man sich nicht grundlos entschieden. Eine gewisse Mischung aus Motivation, Faszination und Passion braucht es - Enttäuschung ist eine natürliche Folge, wenn es mit den Prüfungen nicht hinhaut. Die Resultate sind definitiv keine Nebensache; man identifiziert sich ein Stück weit mit seiner Studienrichtung und wenn man zum Zeitpunkt der Prüfungen noch immer hinter dieser Wahl steht, dann möchte man doch, dass es für eine 4.0 reicht.

Am Tag der Resultatmeldung wird man sich mit den Noten und damit auch mit seiner eigenen Leistung abfinden müssen. Die einen können sich jetzt vielleicht noch mehr mit ihrem Studium identifizieren, weil sie bestanden haben. Die anderen müssen sich damit abfinden, dass ihnen entweder das Gebiet zu wenig liegt oder dass sie sich zu wenig oder falsch auf die Prüfung vorbereitet haben. Für sie heisst es, etwas zu ändern, sei es die Studienrichtung oder das Lernverhalten. Sich damit zu befassen: Was will ich und was liegt mir? Und das sind durchaus keine unpersönlichen Fragen.

Zur Autorin

Julia Moser absolvierte von Mitte Februar bis Juni 2010 in Rom ein Austauschsemester im Rahmen des Erasmus-Programms und schrieb bereits als Globetrotter für ETH Life. Die 25jährige hat soeben ihren Bachelor in Maschinenbau an der ETH Zürich abgeschlossen. Bevor sie mit ihrem Studium begann, reiste sie als Au-pair nach Amerika und als Volunteer nach Madagaskar, wo sie Kinder unterrichtete. Mit 15 entdeckte sie ihre Leidenschaft für Flugzeuge, was ihre Studienwahl massgeblich beeinflusste. Ursprünglich wollte sie Linienpilotin werden, entschied sich aber nach ihrer Matur für ein Maschinenbau-Studium an der ETH. Julia Moser interessiert sich für Kunst und das Malen. Zurück in Zürich, widmet sie sich wieder einer Sportart, die sie bereits früher betrieben hat: dem Rugby-Spielen.

 
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