«Erfolgreiche Mitarbeiter müssen schizophren sein»
Carmen Kobe erforscht seit acht Jahren, wie Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit verbessern können. In ihrer Beratungstätigkeit macht sie zudem Manager auf Inkonsistenzen in der Unternehmensstrategie aufmerksam.
Frau Kobe, alle reden
von Innovation; nur bei wenigen wird ersichtlich was sie damit genau meinen.
Was verstehen Sie unter «kontinuierlicher Innovation», die Thema der kommenden
Jahreskonferenz des «International Continuous Innovation Network»
sein wird?
Der Schlüssel zu kontinuierlicher Innovation liegt darin, dass
man in seinem Geschäftsbereich kontinuierlich besser wird, also bessere
Produkte zu günstigeren Preisen herstellt, gleichzeitig aber auch über sein
eigenes Geschäftsfeld hinausblickt und mögliche neue lukrative Geschäftsfelder
antizipiert. Das sind eigentlich zwei Gegensätze: Einerseits muss man das
bestehende beharrlich weiterentwickeln und gleichzeitig offen sein für neue
Ideen und seiner Kreativität freien Raum lassen.
Kann man von einem Mitarbeiter
verlangen, dass er sowohl ein kreativer Denker, wie auch ein konsequenter
Macher ist?
Tatsächlich müssen erfolgreiche Mitarbeiter eigentlich schizophren
sein. Sie müssen beides können und gleichzeitig genau unterscheiden können,
wann welches Verhalten gefragt ist. Sie sehen selber, das ist eine Art
abstruses Idealbild, dem niemand vollständig entsprechen kann. Man kann sich
nur daran annähern. Viele erfolgreiche Firmen haben Mitarbeiter die beides beherrschen;
sie sind sowohl beharrlich als auch innovativ.
Wie können Unternehmen
die Innovationsfähigkeit ihrer Mitarbeiter stärken?
Ich weiss von einem Unternehmen in Neuhausen, das regelmässig
einen «Kaffee kreativ» organisiert, an welchem Mitarbeiter ihre Ideen
vorstellen und anschliessend darüber diskutieren können. Oder ein in der
Literatur oft beschriebenes Beispiel ist das Unternehmen 3M: Die Firma stellt
ihren Angestellten zehn bis 15 Prozent der Arbeitszeit zur freien Verfügung und
schafft dadurch ein Freiraum zum Weiterdenken und Experimentieren. Man muss
dabei jedoch kritisch anfügen, dass die letzten bahnbrechende Innovation, wie
das Post-it, schon sehr lange zurückliegt. Wahrscheinlich ist diese Zeit heute
bei vielen mit administrativen Aufgaben belegt oder sie haben die Lust daran
verloren. Man muss eben auch die Art der Innovation ständig wieder
«innovieren».
Sie beraten selber Unternehmen
und helfen diesen die Prozesse und Strukturen innovativer zu gestalten. Weshalb
kommen solche Unternehmen zu Ihnen?
Einfach so kommt niemand. Meistens ist ein akutes Misserfolgserlebnis
der Grund dafür. Zum Beispiel eine krasse Veränderung auf dem Markt oder ein
Schock durch eine Krise. Bei einem Wechsel der Geschäftsführung ist der neue
CEO oft auch bestrebt Prozesse innovativer zu gestalten. Es kann aber auch
sein, dass Kunden plötzlich mehr Innovation verlangen. Viele Produkte sind
heute auf dem asiatischen Markt günstiger zu haben als in Europa. Umso wichtiger werden Innovationen, um sich
von der Konkurrenz abzuheben.
Welche Funktion nehmen
Sie bei solchen Coachings ein?
Ich will rausfinden, was einem Unternehmen noch fehlt, damit
es zum Fliegen kommt. Ich schaue mir die Prozesse in einem Unternehmen genau an
und frage mich, wie werden Entscheidungen gefällt und wie kommt Innovation in
einem Betrieb zustande? Das geht weiter über das Moderieren von Brainstorms und
Ideenmeetings hinaus.
Sie haben auch am
KTI-Projekt «I-Puls» zur Innovationsförderung bei KMUs mitgearbeitet. Was kam
dabei raus?
Wir wissen heute zwar sehr viel über Innovation und trotzdem
wird in den Betrieben nur wenig davon umgesetzt. Wir wollten den KMU ein
Werkzeug zur Hand geben, mit welchem sich die Innovation im eigenen Betrieb
relativ einfach fördern lässt. Dafür haben wir das aktuelle Wissen aus der
Innovationsforschung in eine sehr konzentrierte und zugängliche Form gebracht,
so dass auch jemand der sich vor allem aufs Tagesgeschäft konzentrieren muss,
Anstösse für die Innovationsförderung in eigenen Betrieb erhält. Dafür haben
wir eine Checkliste geschrieben, die man in ein bis zwei Workshops mit dem
Management durcharbeiten kann.
Nun ist aber das Thema
Innovation mit der Finanzkrise bei vielen Unternehmen in den Hintergrund
gerückt. Wie wirken sich solche Krisen auf die Innovationsfreudigkeit von Unternehmen
aus?
Krisen sind nicht nur schlecht; sie können durchaus auch ungeahnte
Kräfte freisetzen. Die plötzliche Angst um den eigenen Arbeitsplatz kann
Mitarbeiter zu Höchstleistungen beflügeln, dafür gibt es viele Beispiele. Plötzlich
realisiert man: Wenn wir jetzt nichts neues bringen, dann sind wir bald weg vom
Markt. Dadurch ist man emotional ganz anders bei der Sache. Wenn in einem
Unternehmen dann noch eine gute Basis zum Verwirklichen von Ideen besteht, dann
kann in solchen Momenten der entscheidende Funke springen. Starke Emotionen verbunden
mit einem guten Management sind eine äusserst gute Basis für grosse
Innovationen.
Wie hätten Sie
Unternehmen während der Finanzkrise beraten, die ihre Anstrengungen punkto
Innovation auf ein Minimum herunterfahren wollten?
Das kommt auf den einzelnen Fall an. Meine Aufgabe ist es in
erster Linie die Entscheidungsträger auf Inkonsistenzen in der Strategie
hinzuweisen. Wenn sich jemand über mangelnde Innovation beschwert, gleichzeitig
aber keine Ressourcen dafür zur Verfügung stellt, ist das sicher keine
nachhaltige Strategie. Aber es gibt durchaus auch Phasen, in welchen sich ein
Unternehmen auf sein kurzfristiges Überleben konzentrieren muss. Es nützt dem
Betrieb schliesslich nichts, wenn es zwar wahnsinnig tolle Projekte in der
Pipeline hat, aber gleichzeitig einen Konkurs anmelden muss.
Carmen Kobe
Carmen Kobe leitet seit 2002 die Forschungsgruppe Innovation und Kreativität am Autonomous Systems Lab der ETH Zürich. Gemeinsam mit Unternehmen entwickelt sie Methoden zur Steigerung der Innovationsfähigkeit. Kobe ist Organisatorin der diesjährigen CINet-Konferenz.
11th International CINet Conference
Das international Continuous Innovation Network (CINet) bringt Experten aus Forschung und Industrie zusammen, die sich mit der Förderung von kontinuierlicher Innovation beschäftigen. Die jährliche Konferenz findet dieses Jahr zum ersten Mal vom 5. bis am 7. September in der Schweiz an der ETH Zürich statt. Themen der Konferenz sind unter anderem: Wie kann Kreativität eines Einzelnen für eine Organisation genutzt werden? Wie schult man Personen, damit sie kreativ werden? Open Innovation: Wie fördert man Innovation über Organisationsgrenzen hinaus?
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