Veröffentlicht: 18.06.10
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Kofi Annan ruft zu engagierter Wissenschaft auf

Die diesjährige Richard-R.-Ernst-Medaille der ETH Zürich wurde an Kofi Annan, den ehemaligen UN-Generalsekretär, verliehen. In seiner Rede rief er die Wissenschaftler dazu auf, ihre Entdeckungen auch in den Dienst der Ärmsten zu stellen.

Martina Märki
«Jetzt seid ihr gefordert!», gab Kofi Annan den anwesenden Studierenden auf den Weg. (Bild: Heidi Hostettler /ETH Zürich)
«Jetzt seid ihr gefordert!», gab Kofi Annan den anwesenden Studierenden auf den Weg. (Bild: Heidi Hostettler /ETH Zürich) (Galerie)

Zum zweiten Mal wurde am Freitag, 18. Juni, die Richard-R.-Ernst-Medaille der ETH Zürich vergeben. Der so Geehrte, Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der UN, sprengte trotz aller Bescheidenheit fast den Rahmen der ETH. Der grösste Raum des ETH-Hauptgebäudes, die Sporthalle der Polyterrasse, vermochte das Publikum nicht zu fassen. Mehr als die Hälfte der über 2000 Besucher musste mit einer Übertragung in verschiedenen Hörsälen vorlieb nehmen.

ETH-Präsident Ralph Eichler und Dr. Eberhard von Koerber, Co-Präsident des Club of Rome, würdigten das Wirken Kofi Annans für Frieden, Menschenrechte und seinen Einsatz für einen gerechten Ausgleich zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. Der Friedensnobelpreisträger möge sich an der ETH durchaus heimisch fühlen, wünschte sich Eichler. Schliesslich sei er nicht nur von einem Nobelpreisträger, Richard Ernst, eingeladen worden, sondern 18'000 ETH-Angehörige aus mehr als 100 Nationen repräsentierten auch so etwas wie eine Miniatur-UN.

«Die UNO hat für mich mehr als nur symbolischen Wert. Sie gibt mir Hoffnung für zukünftige globale Kooperation und für globale Initiativen, die so dringend notwendig sind, um das Überleben der Menschheit und ihrer kulturellen Werke zu gewährleisten. Und wer ist ein besserer Botschafter für den Geist der UNO als Kofi Annan?», begründete Richard Ernst die Vergabe der Medaille an den ehemaligen UN-Generalsekretär.

Eine kopernikanische Wende

Kofi Annan seinerseits ging auf die Rolle der Wissenschaft ein, die sie in der Gesellschaft wahrnehmen müsse. Er habe im Laufe seines Lebens erlebt, wie sich vieles, auch dank der Wissenschaft, geändert habe - «meist zum Besseren», wie der 72-Jährige betonte. Doch das reiche nicht, angesichts der Herausforderung von mehr als einer Milliarde hungernder Menschen und den Problemen, die der Klimawandel noch bringen werde. «Wir brauchen eine neue kopernikanische Wende zu globaler Nachhaltigkeit», sagte der ehemalige UN-Generalsekretär. Nahrungsmittelsicherheit und Klimawandel seien die grossen Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft annehmen müsse.

Im Kampf gegen den Hunger komme Wissenschaft und Forschung eine wichtige Rolle zu. Doch Forschung allein werde nichts nützen, wenn es nicht gelinge, sie auch den Armen zugute kommen zu lassen. «Wir werden auch dem Klimawandel nicht begegnen können, wenn es uns nicht gelingt, saubere und erschwingliche Energie für die Ärmsten zur Verfügung zu stellen», mahnte Annan.

Welt im Wandel

Im Anschluss an die Rede von Kofi Annan hatten vier junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ETH Zürich die Gelegenheit, mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär ins Gespräch zu kommen. In der Diskussion, die von Richard Ernst moderiert wurde, betonte Kofi Annan nochmals die Notwendigkeit des Ausgleichs zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. «Wir müssen unsere Institutionen, zum Beispiel den Sicherheitsrat der UN, demokratischer machen. Die Welt wandelt sich, Länder wie Indien, Japan, Brasilien und weitere wollen mehr Einfluss - und mit Recht.» Das müsse auch Folgen für die Wissenschaft haben, war sich die Diskussionsrunde einig.

Auf die kritische Frage der indischen Diskussionsteilnehmerin, ob die Wissenschaftsagenda nicht einseitig durch den Westen definiert werde, antwortete Annan überzeugt: «Das wird sich ändern, weil sich das Kräfteverhältnis in der Welt ändert.» Es sei aber wichtig, dass sich auch die Anreizsysteme in der Wissenschaft entsprechend änderten. Neben dem Anreiz zu publizieren müssten auch Anreize geschaffen werden, die eine engagierte Lehre und die Umsetzung gesellschaftlich nützlicher Projekte, beispielsweise in Entwicklungsländern, förderten. Das komme nicht nur den betroffenen Ländern, sondern allen zugute: «Hätte die Welt bereits reagiert, als vor Jahrzehnten die Ölverseuchung des Nigerdeltas in Nigeria durch die Ölindustrie begann, gäbe es heute vielleicht keine BP-Ölkatastrophe vor den Küsten Amerikas», gab Annan zu bedenken.

Richard-R.-Ernst-Vorlesung

Die Richard-R.-Ernst-Vorlesung wird jährlich zu Ehren des Chemie-Nobelpreisträgers von 1991 gehalten. Die Vorlesung soll den Austausch zwischen Forschung und Öffentlichkeit fördern und das Bewusstsein für die wesentlichen Fragen der Zukunft schärfen. Die Richard-R.-Ernst-Medaille wird an herausragende Persönlichkeiten verliehen, die sich um Gesellschaft und Wissenschaft verdient gemacht haben. Der diesjährige Geehrte, Kofi Annan, war von 1997 bis 2006 Generalsekretär der UNO. Im Jahr 2001 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Nach seinem Engagement in den UN gründete Annan eine Stiftung, die sich für Armutsbekämpfung, Menschenrechte und Governance einsetzt.
Richard R. Ernst war ab 1976 ordentlicher Professor für Physikalische Chemie an der ETH Zürich. Er bekam den Nobelpreis für seine bahnbrechende Forschung im Bereich NMR-Spektroskopie.

 
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