Bild der Biologie: Alte ist auch moderne Biologie
Die moderne Biologie hat sich heute sehr weit von ihren Wurzeln, nämlich der Erkenntnis, dass sich mikrobiologische Veränderungen von Nahrungsmitteln steuern lassen, und der systematischen Biologie entfernt. Das bedeutet leider, dass Nicht-Biologen kaum mehr eine Chance haben, die moderne Biologie zu verstehen. Das gilt auch für Schüler und deren Lehrer, die auf einer tieferen Erkenntnisstufe stehen geblieben sind.
Damit stellt sich die Frage, welchen Stoff vermitteln wir Schülern, die für das Leben lernen sollen? Bei einem Leben, das sich zwischen Zeugung, Geburt, gesundem oder krankmachendem Essen und Trinken, Infektionskrankheiten, organischen und psychischen Krankheiten, Natur- und Umweltkatastrophen und Tod abspielt.
Biologie braucht einen handfesten Bezug zur Realität, daher ist es sehr problematisch, dass man an den Hochschulen die systematische Biologie beerdigt hat. Ordnung und Systematik und die Vielfalt der Ausprägungen der Konzepte sind Werte, die mindestens so wichtig sind, wie die diejenigen der modernen Biologie. Das ist kein Votum gegen theoretische Konzepte und Erkenntnisse. Aber ein Votum für die Realität des täglichen Lebens. Freude an Biologie, Chemie und Mathematik entwickelt sich bei 99 Prozent der Menschen über die kleinen Wunder des Alltags, insbesondere im Umgang mit Tieren, Pflanzen und Steinen. Bei denen sollte auch die Ausbildung in Biologie und Chemie beginnen.
Persönlich habe ich in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts etwa viermal Chemieunterricht auf unterschiedlich schlechtem Niveau genossen, inklusive einer chemisch-technischen Labor-Ausbildung, ohne irgendwelche moderne Messsysteme. Dazu gehörte auch eine gewerbliche Ausbildung in Ernährungslehre und Hygiene. Gute Lehrer waren dabei die Ausnahme. Trotzdem gewann ich für mich wichtige Erkenntnisse und behielt die Freude an den Naturwissenschaften. Mit dem Mikrobiologiestudium auf Hochschulstufe kam ich dann – neben anderem - zum gewünschten, abgerundeten biologischen Weltbild.
Die Bedeutung der Biologie für die Realität der Gesellschaft liegt insbesondere darin, dass wir uns als Population verstehen müssen, die an Grenzen stösst und deren Überleben gesichert werden muss. Und deren Parameter müssten eigentlich auch im Biologieunterricht auf den unteren Stufen zuvorderst stehen. Ernährung, Hygiene, Umwelt. Man könnte sich dann vielleicht sogar die Kosten für den nächsten Pandemie-Hype sparen.
Theorien und Modelle in Ehren, aber es gilt noch immer: The proof of the pudding is the eating. Diese alte Wahrheit gilt natürlich auch für moderne Biologie und moderne Hochschullehrer.
Peter Laternser - 15.06.10
LESERKOMMENTARE