Veröffentlicht: 14.06.10
Science

«Das Bild der Biologie hat sich völlig verändert»

Vom 14. bis 15. Juni findet an der ETH Zürich das zweitägige Symposium «Modern Biology Goes to School» statt. Ernst Hafen, Professor für molekulare Systembiologie, und Elsbeth Stern, Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung, die das Symposium als Chairs gemeinsam leiten, erklären, warum der Biologieunterricht in den Schulen grundlegend erneuert werden sollte und welchen Beitrag das Symposium diesbezüglich leisten kann.

Interview: Felix Würsten
Ernst Hafen und Elsbeth Stern erklären, weshalb es eine grundlegende Änderung im Biologieunterricht braucht (Bild: Felix Würsten).
Ernst Hafen und Elsbeth Stern erklären, weshalb es eine grundlegende Änderung im Biologieunterricht braucht (Bild: Felix Würsten). (Galerie)

Herr Hafen, warum genügt der heutige Biologieunterricht an den Schulen nicht mehr?
Hafen: Die Biologie hat in den letzten 30, 40 Jahren enorme Fortschritte gemacht – denken Sie nur an die molekulare Biologie oder die Genomik. Es werden laufend neue Konzepte entwickelt, die bisherige Erkenntnisse in Frage stellen. Wenn ich jedoch mit meinen früheren Studienkollegen spreche, die heute als Lehrer arbeiten, oder beobachte, was meine Kinder im Gymnasium gelernt haben, dann stelle ich fest, dass der Biologieunterricht in den Schulen mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten hat. Das ist in dieser Form einzigartig bei der Biologie.

Ist das bei anderen Fächern denn weniger ausgeprägt?
Hafen: Ja. In der Physik und Chemie fanden die grossen Umwälzungen Anfang des letzten Jahrhunderts statt. Seither haben sich die grundlegenden Konzepte nicht mehr stark verändert, und sie sind heute fest im Schulunterricht verankert. Das ist bei der Biologie nicht der Fall.

Sehen Sie das auch so, Frau Stern?
Stern: Das Bild der Biologie hat sich auch völlig verändert, weil die Evolutionstheorie heute eine ganz andere Stellung einnimmt. Die Prinzipien der Evolution spielen auch auf der molekularbiologischen Ebene eine zentrale Rolle. Genau dies gilt es heute im Biologieunterricht herauszuarbeiten. Die Grundidee, wonach Leben nur aus anderem Leben entstehen kann, muss sich durch den ganzen Biologieunterricht hindurch ziehen.

Ginge es nicht auch darum zu vermitteln, dass sich die Biologie methodisch immer mehr verändert und zunehmend zum «harten» Fach entwickelt?
Hafen: Der Charakter der Biologie verändert sich tatsächlich sehr stark. Wir verstehen heute viel besser, wie Netzwerke in Zellen funktionieren. Die Biologie wird zu einer quantitativen Wissenschaft, die auf einem viel solideren Fundament steht. Deshalb sind wir auch vermehrt auf die Zusammenarbeit mit anderen Fächern – Mathematik, Physik, Chemie – angewiesen.

Stern: Physik-, Chemie- und Biologielehrer arbeiten heute noch kaum zusammen. Wir müssen den Schülerinnen und Schülern vermehrt zeigen, dass diese drei Wissenschaften zwar eigene Botschaften und Konzepte haben, dass sich naturwissenschaftliche Fragen aber nicht an die Grenzen der Disziplinen halten. Deshalb müssen wir diese drei unterschiedlichen Perspektiven im Unterricht zusammenbringen.

Hafen: In vielen Köpfen geistert immer noch ein veraltetes Schubladendenken herum. Dieses gilt es zu überwinden. Die Gymnasien haben eine grosse Chance, Themen interdisziplinär anzugehen, denn die Fächer sind dort viel näher beieinander. Auch an den Hochschulen müssen wir das Grundlagenstudium in dieser Hinsicht überdenken.

Die Schülerinnen und Schüler sollten also besser auf das künftige Studium vorbereitet werden?
Hafen: Auf der Mittelstufe müssen wir vor allem für diejenigen Schülerinnen und Schüler Biologieunterricht machen, die später nicht Biologie studieren – denn diese nehmen später ebenfalls an den gesellschaftlichen Diskussionen um Life-Sciences-Themen teil. Je besser das allgemeine Wissen über biologische Themen ist, desto differenzierter verläuft die Argumentation und desto kleiner ist auch die Gefahr, dass irgendwelche Gruppen auf unwissenschaftlicher Basis Ängste schüren können.

Stern: Biologie ist als vermeintlich «weiches» Fach bei den Schülerinnen und Schülern beliebt. Deshalb bietet sich hier auch die Chance, die Prinzipien des naturwissenschaftlichen Denkens zu vermitteln.

Sie haben vorhin die Evolutionstheorie erwähnt. Gehört diese nicht schon längst zum etablierten Schulstoff?
Hafen: Mit unserer Forderung, der Gedanke der Evolution müsse sich künftig wie ein roter Faden durch den gesamten Biologieunterricht ziehen, nehmen wir ein Postulat der Arbeitsgruppe Biologie des Projekts HSGYM Hochschulreife und Studierfähigkeit auf. Wir sind also nicht die ersten, die das fordern. Wenn man die heutigen Lehrpläne anschaut, dann wird Evolution meist erst gegen Ende der Schulzeit behandelt. Häufig steht dann auch noch der wissenschaftshistorische Aspekt im Vordergrund. Damit wird man der Sache aber überhaupt nicht gerecht. Die Lehrpersonen sollten in jedem Kapitel des Unterrichts einen Bezug zum Evolutionsgedanken herstellen.

Stern: Und da fängt die eigentliche Arbeit an: Die Lehrer sind immer noch zu sehr auf sich selbst gestellt, wenn sie solche Vorgaben umsetzen sollten. Wir müssen daher Vorschläge machen, wie man den Evolutionsgedanken einbringen kann, ohne dass man immer gleich Bezug zu Darwin nehmen muss. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Vorarbeit erfordert. Das Internet bietet uns die Möglichkeit, Unterrichtsmaterialien anzubieten, die auch aus pädagogischer Sicht auf der Höhe der Zeit sind.

Und diese Materialien bereitzustellen ist Aufgabe der Hochschule?
Stern: Ja, aber wir können diese Materialien nicht alleine erarbeiten, sondern müssen sie zusammen mit Lernforschern und den Lehrpersonen entwickeln, erproben und anpassen. Und dazu braucht es einen intensiven Austausch.

Hafen: Aus diesem Grund ist die Interaktion zwischen Hochschule, Lernforschung und Schule an unserem Symposium ein derart wichtiges Thema. Neben international renommierten Lernforschern und Hochschullehrern werden auch Mittelschullehrer ihre Erfahrungen einbringen. Lange war es an den Hochschulen ja Usus, dass die Lehrerausbildung an Personen delegiert wurde, die fachlich nicht unbedingt zu den besten gehörten. Das ist ein fataler Fehler, denn wir bilden mit den Lehrern wichtige Multiplikatoren aus. Hier findet an den Hochschulen nun zum Glück ein Umdenken statt.

Modern Biology Goes to School

Die Biologie von heute ist eng vernetzt mit Wissensgebieten aus der Physik, Chemie und Mathematik. Dieser Herausforderung muss sich der Biologieunterricht insbesondere auf dem Gymnasium stellen. Am Symposium «Modern Biology Goes to School», das vom ETH-Kompetenzzentrum für Lernen und Lernen, EducETH, und dem Life Science Learning Center der ETH und Universität Zürich gemeinsam organisiert wird, gehen Hochschullehrer, Lernforscher und Mittelschullehrer der Frage nach, welche Folgerungen sich aus den Umwälzungen im Fach Biologie für die Mittelschulen ergeben.

 
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