Kein Ende für Gutenberg in Sicht
Das gedruckte Buch wird bestehen bleiben. So lautete der Tenor am Symposium «Bücher – ihre Geheimnisse in Sammlungen, Druckerei und Verlag» des Collegium Helveticum. Kritisch diskutierten am Mittwoch Experten aus der Branche Vor- und Nachteile von elektronischen Schriften. Dass gedruckte Texte durch E-Books verdrängt werden, glauben die Teilnehmer nicht.
«Goodbye, Gutenberg» – wenn es nach den Medien ginge, wäre das Buch morgen tot. Die vorgezogenen Nachrufe lassen keinen Zweifel: Noch atmet es, bald schon muss es aber den Sony-Readers dieser Welt Platz machen. E-Books sollen die Totengräber von Gutenbergs Erbe sein. Anders sehen es die, welche ihr tägliches Brot mit Gedrucktem verdienen. Unter dem Titel «Bücher – ihre Geheimnisse in Sammlungen, Druckerei und Verlag» hatte das Collegium Helveticum zusammen dem Departement Chemie und angewandte Biowissenschaften (D-CHAB) zu einem Symposium eingeladen. Die Referenten aus Verlag, Antiquariat und Bibliothek waren sich einig: Das Buch wird bleiben.
Shakespeare-Sammlung zum Mitnehmen
«Das Buch wurde schon viele Male zum Tode verurteilt, nie kam es dazu», sagte David Hoffmann vom Schwabe Verlag in Basel, dem ältesten Verlag der Welt. Die Geschichte zeige, dass kein Medium ein anderes ersetze. Radio, Kino und Fernsehen existieren heute nebeneinander. Oft führt eine Innovation sogar zu einer Renaissance des vorhergehenden Mediums. Weil das E-Book nur die Reproduktion des Buches sei, sieht Hoffmann keine Bedrohung der gedruckten Schriften. Ohne Buch gäbe es auch kein E-Book.
Mitte 15. Jahrhundert erfand Johannes Gutenberg die beweglichen Lettern und damit den Buchdruck. Damit schuf er ein (Kultur-)Gut, das über die Jahrhunderte nicht an Bedeutung verloren hat. Man denke nur an die Flugblätter und gebundenen Schriften während der Französischen Revolution und die Ausbreitung der Reformation durch die Schriften Luthers.
Gedrucktes verschaffte dem Volk Zugang zu Wissen und Information, genau wie
es elektronische Bücher und digitale Lesegeräte
in Taschenbuchformat heute tun. Diese Kombination hat gegenüber dem Buch
einige Vorteile. «Auf einem Taschenbuchsystem ganze Sammlungen zu
haben und jederzeit abrufen zu können, ist ausserordentlich attraktiv», sagte
Gerd Folkers, der Leiter des Collegium Helveticum.
David Hoffmann etwa hat sich die Erstausgabe des Shakespeare-Werkes
digital vom Internet heruntergeladen - gratis. Eine originale, gedruckte Erstausgabe von Shakespeares Werk kostet rund fünf Millionen Franken. Hoffmann ist jedoch skeptisch, ob elektronische Texte wirklich gelesen werden. «Ich habe noch nie einen ganzen
digitalen Text von Shakespeare gelesen», sagt er. E-Bücher würden laut Hoffmann selektiver gelesen.
Mit der Suchfunktion finde man rasch eine Information, ohne den Rest des
Textes überfliegen zu müssen.
Wissen um Zusammenhänge geht verloren
«Für die rasche Beschaffung von Information in der Wissenschaft und der Lehre sind E-Books zentral», sagte indes Engelbert Zass, der Leiter des Informationszentrums Biologie Chemie Pharmazie. Die Fachbibliothek der Departemente Chemie und Angewandte Biowissenschaften sowie Biologie auf dem Hönggerberg verwaltet 2300 elektronische und gerade mal 30 gedruckte Zeitschriften. Von den rund 64'000 Büchern sind bereits ein Drittel E-Books. Ohne elektronische Bücher läuft dort nichts mehr. Der Grund liegt laut Zass auf der Hand: Will jemand ein gedrucktes Buch ausleihen, muss er es innert 30 Tagen zurückbringen. Elektronische Bücher sind zeitlich frei verfügbar und können von mehreren Studierenden gleichzeitig abgerufen werden. Innerhalb eines digitalen Textes kann zudem Information rascher gefunden werden - zentrale Vorteile der elektronischen Dokumente.
Für Wissenschaftler sind E-Books laut Zass ein neues Instrument der Wissensvermittlung. Wissenschaftliche Schriften, die Verlage nicht drucken wollen, können über das Internet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wie einst der Buchdruck Bücher der Masse zugänglich machte, eröffnet das E-Book noch mehr Leuten den Zugang zu noch mehr Wissen. Der Eintritt ins Informationsparadies hat aber eine Kehrseite. «Der Kontext und damit das Wissen um Zusammenhänge bleiben zunehmend auf der Strecke. Wir brauchen mehr Leute, die das lose digitale Wissen einordnen und die Flut kanalisieren», sagt Engelbert Zass.
Datenträger veralten
Ein weiteres Problem ist die Haltbarkeit von digitalem Material. Daten können nicht ewig gesichert werden und durch die rasche technologische Entwicklung veralten Abspielgeräte innert kürzester Zeit. Vielerorts existieren alte Datenträger mit wichtigem Datenmaterial, die nicht mehr gelesen werden können. An Gedrucktem ist deshalb kein Vorbeikommen. «Das gedruckte Buch wird seinen Platz haben», sagte Zass. Die Referenten waren sich schliesslich einig: Gedruckte und digitale Texte werden sich gegenseitig ergänzen, nicht verdrängen.
Ausstellung Buchdruck und Kräuterbücher
Im HCI-Gebäude (H-Stock) auf dem ETH Campus Science-City werden bis 1. Juni 2011 Bilder zum Buchdruck und zu den alten Kräuterbüchern der Hartwich-Sammlung ausgestellt. Zu sehen sind Auszüge aus Kräuterbüchern, die die Entwicklung der Feinheit der Abbildungen zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert illustrieren, sowie Fotografien der Arbeitsabläufe vom Papier bis zum Buch.
ETH-Bibliothek: E-Readers zum Testen
Die ETH-Bibliothek bietet ihren Benutzerinnen und Benutzern acht aktuelle E-Reader-Modelle zum Ausprobieren an. Neben etablierten Geräten von Sony, iRex und den «Kindles» von Amazon sind auch die in der Schweiz noch nicht offiziell erhältlichen Geräte «Nook» von Barnes & Noble sowie iPad von Apple verfügbar. Die E-Reader sind mit mehreren E-Books bestückt. Auf dem iPad können verschiedene Applikationen zur Nutzung von E-Books ausprobiert werden, unter anderem iBooks von Apple und Kindle für iPad. Die Geräte werden gegen Hinterlegung eines amtlichen Ausweises zur kurzfristigen Nutzung im InfoCenter der Bibliothek (Hauptgebäude, Stockwerk H) ausgeliehen. Das Angebot wird laufend ausgebaut. Die ETH-Bibliothek testet seit einiger Zeit die Einsatzmöglichkeiten dieser Geräte für die Anwendung im Hochschulumfeld.
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