Wie viel Leid erträgt ein Tier?
Der Bundesgerichtsentscheid zu den Primatenversuchen der Zürcher Hochschulen hat eine Debatte über Vertretbarkeit und Nutzen von Tierversuchen neu lanciert. An einer gemeinsamen Tagung des Collegium Helveticum, der ETH und der Universität Zürich diskutierten Experten die unterschiedlichen Positionen.
Ist das Pferd ein höheres Tier als der Flughund, der Delphin niederer als der Löwe? Ist der scheinbar lächelnde Delphin mehr wert als der Hai, der wegen seiner Physiognomie unsympathisch auf uns wirkt? Referent Carel van Schaik, Evolutionsbiologe und Leiter des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich, stellte das Publikum in der Semper-Aula der ETH Zürich vor eine schwierige Wahl. Doch solche Fragen stellen sich dort, wo das Gesetz Interpretationsspielraum lässt.
Hier setzte die interdisziplinäre Tagung an, welche die ETH, die Universität Zürich und das Collegium Helveticum unter dem Titel «Güterabwägung bei der Bewilligung von Tierversuchen» organisiert hatte. Wie viel Leid darf einem Tier zugemutet werden, wenn es der Menschheit Gesundheit, neue Erkenntnisse und wirtschaftliche Vorteile bringt? Diese Fragen diskutierten Experten aus Recht, Biologie oder Ethik aus der Perspektive ihres jeweiligen Fachgebiets.
Den Anstoss zur Tagung hatte ein Bundesgerichtsentscheid im letzten Herbst gegeben. Er untersagte zwei Versuche mit Primaten, welche die ETH und die Universität Zürich geplant hatten. Das hatte die Hochschulen aufgerüttelt: «Wir wollen eine Meinungsführerschaft im Bereich Tierversuche entwickeln, anstatt bloss reagieren», sagte Hans Sigg, Tierschutzbeauftragter der Universität Zürich und der ETH Zürich. Da an beiden Hochschulen Experten aus allen Fachgebieten rund um die Frage tätig seien, sei eine interdisziplinäre Debatte auf der Hand gelegen.
Gesetzgebung klärt nicht alle Fragen
«Niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten», heisst es im Schweizerischen Tierschutzgesetz. Damit sind jedoch längst nicht alle Zweifel beseitigt. Denn unter welchen Bedingungen Tierversuche erlaubt sind, steht nicht im Gesetz. Hier kommt die Güterabwägung ins Spiel, doch diese vorzunehmen, sei ohne verbindliche Bezugsgrösse äusserst schwierig, sagt Referent Markus Huppenbauer, Theologe und Titularprofessor für Ethik an der Universität Zürich. Dass objektive Bezugsgrössen jedoch schon innerhalb der gleichen Spezies schwierig zu finden seien, erläuterte er am Beispiel der unterschiedlichen Schmerzempfindlichkeit bei jeder Person. «Noch viel schwieriger wird es, wenn man physisch-psychische Güter mit wirtschaftlichen vergleichen will», sagte Huppenbauer.
Dennoch zitierte er Autoren, die solchen qualitativen Indikatoren Zahlwerte zugeordnet haben. «Sie haben das Pro und Kontra eines bestimmten Tierversuchs in einen Wert für «Human Interest» und «Animal Interest» übersetzt», sagte Huppenbauer. Objektiv sei dies jedoch nicht, das hätten die Autoren selbst eingeräumt: Das Verfahren tauge ihrer Einschätzung nach lediglich als Hilfsmittel, um verschiedene Aspekte eines Versuchs zu gewichten, sagte Huppenbauer.
Unterschied zwischen Ratte und Delphin
Ebenso wenig halten die Kriterien zur Unterscheidung zwischen höheren und niedrigeren Tieren stand: Zwar schreibe die Schweizer Gesetzgebung vor, dass Versuche an höheren Tieren nur dann gestattet seien, wenn sie mit niedrigeren Tieren nicht durchführbar sind, sagte Carel van Schaik. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei dieses Kriterium jedoch bedeutungslos. «Wir haben alle denselben Ursprung». Und auch die nahe Verwandtschaft zum Menschen könne als Kriterium nicht gelten: «Nagetiere, die häufigsten Versuchstiere, sind mit Primaten näher verwandt als der Delphin», sage van Schaik. Wenn überhaupt, rechtfertigten einzig höhere Kognitionsleistungen, ein Zeitempfinden und Leidensfähigkeit eine Unterscheidung zwischen höheren und niedrigeren Tieren.
«Ausführende von Tierversuchen kommen in eine Konfliktsituation»
Kümmert sich jemand täglich um ein Tier, ist
eine Beziehung unvermeidlich, meint Dennis C. Turner, Privatdozent für Verhaltenskunde
der Kleintiere. Das gilt gerade auch für Versuchstiere, gegenüber denen sich
der Mensch aus Selbstschutz emotional abgrenzen muss.
Herr Turner, Heimtiere und ihre emotionale
Wirkung auf Menschen stehen im Zentrum Ihrer Forschung. Welches sind die neuesten
Erkenntnisse?
Turner: Dass ein Heimtier Depressionen und Einsamkeitsgefühle mindert
und damit die Medikamentenkosten reduziert, ist bereits bekannt. Ebenso die
Tatsache, dass ein Heimtier mehr zum Stressabbau beiträgt, als der eigene
Lebenspartner. Neueste Studien zeigen, dass drei Minuten Streicheln ausreichen,
damit bei Hund und Menschen ein Hormon ausgeschüttet wird, das die Bindung
fördert.
Warum ist dies im Bezug auf
Tierversuche relevant?
Tests mit Versuchskatzen haben bewiesen, dass der Urin-Cortisol-Spiegel,
also das Stressniveau, beim Tier steigt, wenn Streicheln wegen der
Versuchsbedingungen nicht erlaubt ist. Die Katzen sind daran gewöhnt. Fehlt das
Streicheln, ist dies ein Stressfaktor. Wenn Tierpfleger mit Katzen
unterschiedlich umgehen, zeigen sie ebenfalls unterschiedliche Anzeichen von
Stress. Also müssen wir uns bewusst sein, dass der tägliche Kontakt zwischen
Tierpflegern und Versuchstieren eine Gewöhnung erzeugt und möglicherweise die
Validität der Forschungsergebnisse beeinflusst.
Inwiefern?
Es ist ähnlich wie bei Tieren, die einen ökonomischen
Wert haben, zum Beispiel Arbeit verrichten oder als Nahrungsquelle dienen.
Indem er eine persönliche Beziehung ausschaltet, schützt sich der Mensch vor
den unangenehmen Aspekten seines Handelns. Wir töten beispielsweise Tiere nicht
selber, sondern delegieren dies an einen Metzger. Das ist ein
Schutzmechanismus. Ein Wissenschaftler, der einem Tier Schmerzen oder Leid
zufügen muss, muss sich ebenso abgrenzen. Er wird das Tier eher als Sache
betrachten und ihm beispielsweise keinen Namen geben. Ich bezweifle jedoch, und
es gibt Daten, die das belegen, dass es wirklich möglich ist, eine persönliche
Beziehung nicht zuzulassen. Ich sage nicht, dass Ausführende von Tierversuchen
unmenschlich sind. Aber sie kommen in eine Konfliktsituation.
Was sind die Folgen für die Forschung?
Es ist unvermeidlich, dass der Forschende oder der Tierpfleger einen
Einfluss auf die Ergebnisse hat, denn er hat einen Einfluss auf die Tiere. Das
Tier entwickelt zum Menschen eine Beziehung, und wenn es nur Gewöhnung ist.
Dennis C. Turner ist Privatdozent für Verhaltenskunde der Kleintiere, MNF und Vetsuisse, Universität Zürich
- 09.06.10: Tierversuche: Rechtfertigung des Tierleids?
- 05.06.10: Tierversuche: Nicht übertragbar
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