Wissen für jedermann dank Open Access
Wissenschaftliche Ergebnisse, kostenlos und global über Internet für jedermann abrufbar - das ist die Idee hinter Open Access. Hochschulen weltweit unterstützen die Initiative. Forschende lassen sich hingegen nur schwer für die Idee begeistern, wie eine Tagung der IARU-Universitäten an der ETH Zürich verdeutlichte.
Die ETH-Bibliothek bietet Zugang zu rund 11'000 Fachzeitschriften. Darunter sind bekannte Namen wie «Nature» oder «Science», die von vielen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachgebieten gelesen werden, aber auch kleine und spezialisierte Titel für ein kleines Zielpublikum. 70 Prozent der Kosten für Neuerwerbungen der ETH-Bibliothek fallen heute auf Abonnementsgebühren für solche Fachmagazine. Mit einer durchschnittlichen Teuerung von acht Prozent pro Jahr, ist für viele Bibliotheken die Schmerzgrenze bei den Zeitschriftenkosten erreicht. Es erstaunt deshalb nicht, dass sie wesentliche Treiber hinter der Idee von Open Access (OA) sind.
Open Access bezeichnet den kostenlosen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen über Internet, zum Beispiel über Dokumentenserver der Hochschulen oder spezialisierte Open Access-Fachmagazine im Internet. Neben dem finanziellen, hat OA aber auch einen ideologischen Aspekt: Die neue Publikationsart soll gewährleisten, dass auch Wissenschaftlern von Universitäten, denen kein Budget für ein breites Portfolio an Fachzeitschriften zur Verfügung steht, Zugang zu den neusten Erkenntnissen haben. So zum Beispiel in Entwicklungsländern. Zudem wird von OA-Verfechtern das Geschäftsmodell der grossen kommerziellen Zeitschriftenverlage kritisiert: Wissen, welches mit Steuergeldern an Hochschulen erarbeitet wird, müsse frei zugänglich sein. Es könne nicht angehen, dass dieses über teure Abonnemente wieder zurückgekauft werden muss.
Forscher mit Status Quo zufrieden
Das Modell Open Access will jedoch bis heute nicht richtig fruchten. Dies zeigte sich unter anderem an einer Tagung von internationalen Open Access-Experten der IARU-Hochschulen (siehe Kasten). Rudolf Mumenthaler, Verantwortlicher für Innovation und Marketing in der ETH-Bibliothek, hat an der Tagung den Workshop zu Open Access Publishing moderiert. Sein Fazit: «Die meisten Forschenden scheinen mit dem traditionellen Publikationsmodell zufrieden zu sein.» Obwohl die ETH-Schulleitung im Juli 2008 eine Open Access Policy verabschiedet hat, die die Forschenden auffordert, in Open Access-Zeitschriften und auf dem ETH-eigenen, frei zugänglichen Dokumentenserver ETH E-Collection zu publizieren, fristet OA an der ETH noch ein Schattendasein. Vergangenes Jahr wurden an der Hochschule 28 Artikel in Open-Access-Zeitschriften der Verlage BioMed Central und Public Library of Science publiziert. Das ist nicht viel bei einem Output von jährlich rund 7000 Publikationen. Auffallend ist zudem, dass die meisten erfolgreichen Open Access-Verlage in den Bereichen Technologie, Biologie und Medizin zuhause sind. In den Geisteswissenschaften ist das neue Modell praktisch inexistent.
An anderen IARU-Hochschulen, die sich ebenfalls für Open Access aussprechen, wie zum Beispiel an der Oxford University, sieht die Situation ähnlich aus. Obwohl es heute rund 4000 Open-Access-Zeitschriften gibt, wird erst der kleinste Teil der wissenschaftlichen Ergebnisse darin publiziert. Forschende kritisieren oft, dass die Qualität von Open-Access-Zeitschriften nicht gewährleistet sei. Dies insbesondere, weil kein richtiger «Peer-Review»-Prozess stattfinde; die Artikel vor der Publikation also nicht von mehreren Fachkollegen auf allfällige methodische und rechnerische Fehler überprüft würden. Dem wurde an der Tagung aber vehement widersprochen: Open Access und Peer-Review würden sich nicht ausschliessen, so der Tenor. Einer der erfolgreichsten OA-Verlage, die amerikanische Public Library of Science (PLoS), arbeitet seit 2003 mit ehrenamtlichen Begutachtern. PLoS konnte 2008 auf 13'000 Peer-Reviewers zurückgreifen, die 28'000 Autoren und fünf Millionen Lesern gegenüberstanden.
Die eigenen Rechte zurückkaufen
Auf politischer Ebene ist man sich heute in der Schweiz über den Nutzen von Open Access einig. Was aus öffentlichen Geldern finanziert wird, soll frei zugänglich sein, lautet das Credo auch bei der Universität Zürich und vielen weiteren Schweizer Hochschulen. Dieter Imboden vom Schweizerischen Nationalfonds sprach sich an der IARU-Tagung dafür aus, dass das Open-Access-Publizieren künftig nicht mehr durch die Hochschulen, sondern durch die Forschungsförderung finanziert werden soll. Die Publikationskosten müssten als Teil des Forschungsprozesses verstanden werden. Pro Artikel müssten die Autorinnen und Autoren dann zwischen 2000 und 3000 Dollar an die kommerziellen Verlage bezahlen, um den Artikel im Nachhinein auch Open Access publizieren zu dürfen. Forscher sollten für solche Rückkäufe der Publikationsrechte in Zukunft zwei bis drei Prozent zusätzliche Forschungsgelder budgetieren, forderte Imboden.
Damit war jedoch das Problem für die meisten Workshop-Teilnehmer nicht gelöst, da damit einzig eine Verlagerung der Kosten von der Bibliothek zur Forschungsförderung stattfände. Nach wie vor müsste die öffentliche Hand für die Zusatzkosten von OA aufkommen. Die IARU-Mitglieder sehen die Lösung eher in einem Modell, das die für die Open-Access-Publikation bezahlten Gebühren an die Lizenzkosten für kommerzielle Zeitschriften anrechnet. Um die Verhandlungsposition gegenüber den kommerziellen Verlagen zu stärken, wurde am Workshop auch eine Zusammenarbeit unter Hochschulen und deren internen Verlage diskutiert. All diese Anstrengungen seien jedoch ohne die Unterstützung der Forschenden sinnlos, sagt Mumenthaler: «Mit Open Access gewinnt man mehr Aufmerksamkeit für seine Arbeit. Ich hoffe, dass die Wissenschaftler diese Chance bald erkennen».
«Gleiche Reputation wie herkömmliche Zeitschriften»
Bärbel Stecher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Institut für Mikrobiologie, hat im Januar eine Studie zum Verhalten von
Darmbakterien in «PLoS Pathogens» veröffentlicht. ETH Life hat sie nach ihren
Erfahrungen mit dem Publizieren in einer Open Access-Zeitschrift befragt.
Frau Stecher, Sie haben ihre letzte wissenschaftliche Arbeit in einer
Open Access-Publikation im Internet veröffentlicht. Weshalb?
Das war kein bewusster Entscheid für Open Access. Unser Thema hat
einfach ideal in die Ausrichtung von «PLoS Pathogens» gepasst. Für den
Forschungszweig «Mikrobielle Pathogenese» gibt es noch relativ wenig
Fachjournale.
Viele Wissenschaftler beanstanden, dass Artikel in Open
Access-Zeitschriften keinen richtigen Peer-Review-Prozess durchlaufen.
Das stimmt nicht. Das Vorgehen ist gleich wie bei den gedruckten
Zeitschriften. Man kann Experten für den Peer-Review vorschlagen und andere
ausschliessen. Die Entscheidung, welche Reviewer letztendlich ausgewählt
werden, liegt aber schliesslich beim Verlag. Unser Artikel wurde von zwei uns
unbekannten Reviewern kritisch begutachtet.
Gibt es Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Publizieren?
Ja, der Peer-Review-Prozess dauert weniger lang und da die Arbeit nur
Online erscheint, ist man nicht so stark eingeschränkt in der Länge des
Artikels. Den grössten Vorteil sehe ich aber darin, dass unser Artikel
möglicherweise öfters gelesen und zitiert wird, weil er für jedermann frei
zugänglich ist.
Glauben Sie, dass sich Open Access in Zukunft durchsetzen wird?
In der Biologie ist «PLoS» bei den Wissenschaftlern heute akzeptiert und
hat in den vergangenen Jahren dasselbe Ansehen gewonnen wie herkömmliche
Zeitschriften. Wenn die gute Qualität der publizierten Artikel beibehalten
wird, dann wird sich Open Access durchsetzen.
IARU Workshop: Open Access Publishing
Das Thema Open Access betrifft die
gesamte Forschung. Deshalb hat die IARU, ein Verbund von zehn der wichtigsten
internationalen Forschungshochschulen, Ende Januar zu einem Workshop zum Thema
eingeladen. Organisiert wurde die Tagung von der Abteilung Internationale
Institutionelle Angelegenheiten der ETH Zürich. In seiner Eröffnungsrede
betonte ETH-Präsident Ralph Eichler die Bedeutung von Open Access für
Forschungsuniversitäten.
Mehr Informationen zur
«International Alliance of Research Universities» (IARU)
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