«Habe mich sofort verliebt»
Sein erster Blick durchs Mikroskop war für Rafael Edgardo Carazo Salas ein Schlüsselerlebnis. Seither hat ihn die Faszination für Zellen und deren Wachstum nicht mehr losgelassen – eine Leidenschaft, die ihm kürzlich den begehrten «ERC Starting Grant» einbrachte.
Ihn reizt das Unkontrollierbare. Nicht genau zu wissen, was passiert, habe ihn dazu bewogen, nach seinem Studium der Physik zur Biologie zu wechseln. Obwohl er ursprünglich zum Film wollte und während der High School-Zeit eifrig geschauspielert hat.
Die Hauptdarsteller, mit denen sich Rafael Edgardo Carazo Salas heute befasst, sind winzig klein. Der Biochemiker der ETH Zürich erforscht das Wachstum von Zellen – und zwar so erfolgreich, dass er kürzlich mit einem der begehrtesten Preise für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet wurde: dem «ERC Independent Researchers Starting Grant». Damit fördert der Europäische Forschungsrat international herausragende Projekte junger, vielversprechender Wissenschaftler. Für sein Projekt «Systems Study of Cellular Growth, Shape and Polarity» erhielt Carazo Salas 1,7 Millionen Euro.
Artistische Freiheit
Ja, das sei eine stolze Summe, erklärt der Preisträger. Sie ermögliche ihm für die nächsten fünf Jahre eine «fast artistisch-kreative Freiheit», weiter in seinem Gebiet zu forschen und sein Team aufzustocken. Es gehe im Prinzip darum, zu verstehen, wie Gene und Proteine die Form, Grösse und Polarität von Zellen beeinflussen. Ein enorm komplizierter Vorgang, der sich am einfachsten in simplen Modellorganismen wie Hefezellen studieren lässt.
«Zunächst», so Carazo Salas, «müssen wir die Komponenten finden, die am Wachstumsprozess beteiligt sind. Dann herauskriegen, wie sie miteinander verbunden sind, und schliesslich, wie dieses Netzwerk aus Regulatoren den Wachstumsprozess in Gang setzt und steuert.»
Systembiologischer Ansatz
Schon während seines Physikstudiums habe er die Idee gehabt, sich den Biowissenschaften mit einem mathematischen, systemischen Ansatz zu nähern. Das sei Anfang der 1990er Jahre eine recht neue Vorgehensweise gewesen. «Damals waren Typen wie ich Einzelgänger». Heute dagegen böten sich Gleichgesinnten exzellente Möglichkeiten – etwa im Rahmen der Schweizer Initiative für Systembiologie «SystemsX», an der auch die ETH Zürich beteiligt ist.
Zwar sei seine Arbeit noch reine Grundlagenforschung. Doch die daraus gewonnenen Erkenntnisse könnten beispielsweise einmal zum besseren Verständnis von Krebs beitragen. Denn bei vielen Krankheiten spielen Veränderungen der Zellen eine Rolle. «Je besser wir die Details des Wachstumsprozesses verstehen, desto eher können wir auch mögliche Fehler erkennen und korrigieren».
Globetrotter der Wissenschaft
Rafael Edgardo Carazo Salas ist einer jener jungen Forscher, die in ihrem Leben schon viel herum gekommen sind. Geboren in Costa Rica, studiert in Montreal, promoviert in Paris und Heidelberg, Aufenthalte in Cambridge, London, New York – und Zürich. An die ETH kam der heute 38jährige vor zwei Jahren. «Ich habe mich sofort in das Institut hier verliebt». Gemeint ist das Institut für Biochemie, in dem Carazo Salas eine kleine, interdisziplinäre Forschungsgruppe geleitet hat. Hat. Denn die nächste Station auf seiner Karriere-Landkarte wartet schon: Cambridge. Der Liebe wegen. Seine langjährige Lebenspartnerin und er seien das ewige Pendeln leid.
Selbstverständlich, so versichert Rafael Edgardo Carazo Salas, hätte er sein Projekt auch liebend gerne an der ETH fortgeführt - zumal er hier sogar Assistenzprofessor geworden wäre. Aber zum Glück dreht sich im Leben eben nicht alles um die Karriere.
LESERKOMMENTARE