Veröffentlicht: 01.02.10
ERC Starting Grants: Biochemie

Treibstoff für die Telomer-Forschung

Der Zellbiologe Claus Azzalin ist einer der drei Empfänger von ERC Starting Grants. Das Geld verleiht seiner Forschung über die Funktion von Telomeren zusätzlichen Schub. Ein Porträt.

Peter Rüegg
Claus Azzalin, Empfänger eines ERC Starting Grants, erforscht die Funktion des Telomers, des Endstücks von Chromosomen.
Claus Azzalin, Empfänger eines ERC Starting Grants, erforscht die Funktion des Telomers, des Endstücks von Chromosomen. (Galerie)

Im Labor stehen eine Frau, zwei Männer. Sie diskutieren, haben Laborgeräte in der Hand. Einer der Männer ist Claus Azzalin, Assistenzprofessor am Institut für Biochemie, der sich mit seinen Mitarbeitern bespricht. Sein Büro ist winzig und kommt einem Glaskasten gleich, auf einem Regal stehen neben unzähligen Ordnern ein paar leere Champagnerflaschen. Die erinnern den gebürtigen Italiener an den ERC Starting Grant, den er im letzten Sommer zugesprochen erhielt. «Ein grossartiger Anlass, das mussten wir feiern» sagt er.

Anerkennung für Forschungsleistung

Ungefähr 1,7 Millionen Euro an EU-Fördergeld für seine Forschung hat Azzalin im August 2009 von der EU erhalten, ein schöner Batzen Geld, den er nun in seine Gruppe investiert, neue Projekte generiert, Leute anstellt, Material und Ausrüstung bezahlt. Azzalin betrachtet den Grant als Anerkennung für seine Forschungsleistung und als zusätzlichen Schub für seine Laufbahn. Das Geld sei wichtig, um der Forschung des eigenen Labors ein neues Profil zu geben.

Acht Personen umfasst seine Gruppe mittlerweile, darunter Postdocs und Doktoranden aus verschiedenen Ländern Europas und der Schweiz. Die Atmosphäre im Labor sei gut. Verständigungsprobleme kennen seine Mitarbeitenden nicht. «Ich bin über die Leute in meinem Labor sehr glücklich», betont der Teamleiter. Sie seien sehr motiviert und interessiert an ihrer Arbeit.

Aufgewachsen ist der 37jährige in Vigevano, nahe Mailand. Erst wollte er Veterinär werden. Mit 18 Jahren sei ihm klar geworden, dass ihn Biologie mehr interessiere. Er studierte und doktorierte in Molekularbiologie und Genetik an der Universität Pavía. Das Genom habe ihn immer interessiert. Für einen Postdoc reiste er 2001 in die USA, wo er an den Reparaturmechanismen des DNS-Doppelstranges forschte. 2002 begann er eine zweite Postdoc-Stelle an der EPF Lausanne. Seit Februar 2008 arbeitet, forscht und lehrt Azzalin nun an der ETH.

Bedeutendes Ende

Mit den Telomeren beschäftigt er sich seit seinem Doktorat. Telomere sind die Enden von Chromosomen, die bei der Alterung von Zellen, Organen und letztlich eines ganzen Organismus eine grosse Rolle spielen. Bei jeder Zellteilung verkürzen sich diese Telomere um ein Stück, bis sie nach mehreren Teilungszyklen zu kurz sind. Die Zelle tritt aus dem Zellzyklus aus. Diesen Vorgang kann die Zelle nicht rückgängig machen.

Telomere stehen jedoch auch im Verdacht, für die Entstehung von verschiedenen Krebsarten verantwortlich zu sein. Im Fokus steht dabei die Rolle eines Eiweiss-Moleküls, des Enzyms Telomerase. Dieses sollte bei Zellen im Ruhestand eigentlich nicht mehr aktiv sein. Es kann aber durchaus vorkommen, dass dieses Enzym wieder aktiviert wird und beginnt, die Telomer-Region wiederaufzubauen. Dadurch wird die Zelle unsterblich – die Grundlage für Krebswachstum. «In ungefähr 90 Prozent aller menschlichen Tumore ist die Telomerase aktiviert», betont Azzalin.

Telomere nicht schweigsam

Lange waren die Forscher überzeugt, dass Telomere nur «stille» Elemente eines Chromosoms sind, also nicht von der Zellmaschinerie abgelesen und in Proteine übersetzt werden, wie normale Gene auch. Diesem Dogma misstraute der 37-jährige Italiener. Und tatsächlich: Sein guter Riecher wurde belohnt. Während seines Postdocs an der ETH Lausanne entdeckte er, dass in den Telomer-Regionen RNS mit sich wiederholender Sequenz vorhanden ist. Diese RNS nennen die Forscher TERRA (telomeric repeat-containing RNA).

Welche Rolle TERRA spielt, welchen Sinn sie hat, daran forscht er seit er als Assistenzprofessor an die ETH Zürich wechselte. Die RNS des Telomers, so seine vorläufige Antwort, diene wohl der Regulierung des Zustands des Telomers. Diese Struktur ist so genanntes Heterochromatin, eine dichte Verpackung von Eiweissmolekülen und DNS. Das Molekül TERRA spielt dabei eine überragende Rolle. Das Thema sei riesig, man wolle es von verschiedenen Winkeln her betrachten, unter anderem in menschlichen Gewebezellen und in Hefezellen. Habe man die Funktion von TERRA geklärt, könne man sich nachher mehr fokussieren, um beispielsweise an Therapeutika zu arbeiten.

Fordernder Vollblutforscher

Claus Azzalin ist mit Leib und Seele Forscher, der kaum Freizeit hat und braucht. Er wohnt in Affoltern, hat einen Hund, und ist ein moderner Nomade: reisefreudig, flexibel und örtlich ungebunden, um jederzeit seiner Berufung zu folgen. Seine Stelle an der ETH ist auf maximal neun Jahre befristet, zwei davon hat er hinter sich. «Es ist nicht einfach, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit zu finden», so der engagierte Forscher. Manchmal sei es für seine Mitarbeitenden auch nicht nur einfach mit ihm. «Ich bin manchmal etwas schwierig zu befriedigen und kann sehr fordernd sei», gibt er unumwunden zu. Es gebe immer etwas, das man besser machen oder haben könne. «Aber diese Haltung bringt mich ständig weiter.»

 
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