Veröffentlicht: 18.12.09
Intergalaktisches Powwow

Nanocyborgs und dekonstruierte Mojitos

Am «intergalaktischen Powwow» des Collegium Helveticum wurden die besten Kurzgeschichten des Literaturwettbewerbs «SciFi-Shorts» ausgezeichnet. Mit seinen Nanocyborgs und einem verrückten Professor gewann der Doktorand Dominik Busch gleich zwei von drei Preisen.

Samuel Schläfli
Johannes Fehr liest am intergalaktischen Powwow aus einer der prämierten Kurzgeschichten vor. (Bild: Samuel Schlaefli /ETH Zürich)
Johannes Fehr liest am intergalaktischen Powwow aus einer der prämierten Kurzgeschichten vor. (Bild: Samuel Schlaefli /ETH Zürich) (Grossbild)

Vielleicht ist es schon morgen soweit, vielleicht erst in 50 oder 200 Jahren; doch hoffentlich bleiben wir gänzlich davon verschont: Professor Wilhelm I. Leu hat für Frankenstein nur ein müdes Lächeln übrig. Er hat basierend auf der Physis von Waldameisen zusammen mit Kollegen aus der Nanotechnologie Nanocyborgs entwickelt. In seinem Labor lässt er die winzigen Vierbeiner mit einem ausgebildeten Bewusstsein eine künstliche Weltkugel bevölkern und eine neue Zivilisation – vergleichbar mit der menschlichen – heranwachsen. Als ein englisches Filmteam aufkreuzt, entschliesst er sich, seine Cyborgs aus dem Labor in die Welt zu entlassen – auf dass sie unsere menschliche Zivilisation durch ihre eigene ersetzen. «Machts gut, meine vielen kleinen Kinderlein! Oder nein: Macht`s besser! -– Macht`s besser!!», sind Wilhelm I. Leus letzte Worte.

Kurzgeschichten-Doppelgewinner

Wo liegen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bei dieser Geschichte; werden die wissenschaftlichen Errungenschaften einst wirklich die menschliche Existenz auslöschen oder ist das alles nur verschwörerische Schwarzmalerei? An Geschichten in diesem Spannungsfeld war das Collegium Helveticum mit ihrem Literaturwettbewerb «SciFi-Shorts» interessiert. Auf maximal sechs Seiten sollten Teilnehmer eine technisch-wissenschaftliche Vision in literarisch ansprechender Form umsetzen. Die Kurzgeschichte rund um die Allmachtsphantasien des Professors Wilhelm I. Leu von Dominik Busch hat die dreiköpfige Jury, bestehend aus Wissenschaftlern und Literaten, am meisten überzeugt. Im Rahmen eines intergalaktischen «Powwows» - so nennen Indianer aus Nordamerika ihre Stammestreffen – wurden die besten drei aus 17 eingereichten Beiträgen letzten Dienstag am Collegium Helveticum prämiert. Dabei ging nicht nur der erste Preis an Dominik Busch, sondern auch der zweite. Den Teilnehmern stand es nämlich frei mehrere Kurzgeschichten einzureichen.

Seit eineinhalb Jahren widmet sich Busch dem literarischen Schreiben. Seine Geschichte mit dem profanen Titel «Ameisen» war jedoch die erste selbstverfasste Science-Fiction. Busch macht zurzeit seinen Doktor in Philosophie über den Kraftbegriff im Sport beim späten Friedrich Nietzsche. Seine Kurzgeschichte entsprang einer Reflexion über das Werk des Wissenschaftsphilosophen Michel Serres, mit dem er sich über ein halbes Jahr hinweg beschäftigte. Besonders die Idee, dass ein Grossteil dessen, was die menschliche Zivilisation mit all deren technologischen Errungenschaften ausmacht, in der Beschaffenheit unserer Körperoberflächen wurzelt, diente Busch als Ausgangspunkt seiner Fiktion. In Bezug auf die Evolution des Menschen referiert der Professor an einer Stelle in der Kurzgeschichte in bester Serre`scher Manier: «Was uns Menschen auszeichnet, ist der schrittweise Verlust von Eigenem und die schrittweise Aneignung von Fremdem. Nichts ist heroischer als dieser Mut zur Schwäche, heute eine Schlacht verlieren, um übermorgen den Krieg zu gewinnen...» Und etwas später: «Wäre die Welt der Körperoberflächen ein Kartenspiel, unsere Haut befände sich im interessanten Bereich zwischen einer normalen Karte und der Jokerkarte, mit einer Tendenz in Richtung Joker: Humanisation ist Jokerisation!» Trotz der intensiven Auseinandersetzung mit Serres Theorien sowie der Anerkennung durch die Jury, will Busch die Geschichte später nicht auf Romanlänge auswalzen. «Meine Literatur ist normalerweise weniger kopflastig als das, was wir heute Abend gehört haben», kommentierte Busch. Zurzeit arbeitet er an einem ersten Buch, das zur Publikation kommen soll. Acht Kurzgeschichten werden darin untereinander verwoben. «Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass die Figur des Professor Wilhelm I. Leu als Nebenrolle in einer Geschichte auftreten wird», sagte Busch.

Evolution am Küchenherd

Neben einem literarischen Blick in die Zukunft, gab es am Powwow auch kulinarische Science-Fiction. Laut Foodjournalist und Ernährungstrainer Patrick Zbinden, der ein Referat zum Essen der Zukunft hielt, erleben wir momentan eine Evolutionsphase der Gastronomie. Seit 1973, als Henri Gault und Christian Millau mit ihrer Nouvelle Cuisine die Küche revolutionierten, sei nicht mehr viel passiert, so Zbinden. Erst mit der noch jungen Molekularküche finde wieder eine wirkliche Entwicklung statt. Eine der wichtigsten Techniken der neuen Küche ist die Dekonstruktion: Speisen oder Getränke werden in ihre Bestandteile zerlegt und in neuer Form wieder zusammengesetzt. An der «Molekularbar» konnten sich die Collegium-Gäste gleich selber ein Bild der Revolution machen – zum Beispiel mit einem dekonstruierten Mojito mit Rum als Gelee mit Pfefferminzstückchen oder einem Cüpli mit verkapselten Martinazzi (Apérogetränk)-Kügelchen. Wenn auch die meisten Gäste von der dekorativen Präsentation angetan waren, so konnten sich nicht alle für die geschmacklichen Qualitäten der Neukreationen begeistern.

Zum Abschluss des Collegium-Stammestreffens wurden in einem kurzen Workshop noch einige Universalprobleme angegangen. Als eines der dringendsten, abgesehen vom Ärgernis, dass der Computer immer erst dann wieder funktioniert, wenn der Kollege drauf schaut, wurde vom Publikum die Frage erachtet: «Wie kann man einen Kuss auf ewig memorieren?» Mit einem gemeinsamen Sprung in flüssigen Stickstoff von -273° Celsius oder indem man endlich ein Mittel fürs ewige Leben findet, lauteten Lösungsvorschläge. Das Publikum einigte sich aber schliesslich auf eine vergleichbar simple und unkonventionelle Lösung zwischen Science und Fiktion: «Einfach auf die Memory-Taste drücken» - und schon ist der Kuss auf ewig festgehalten.

 
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