Veröffentlicht: 10.12.09
Nobelpreisträgerin Herta Müller

Schreiben gegen Unrecht, Angst und Tod

Die Schriftstellerin Herta Müller war 2001 für drei Monate literarischer Gast am Collegium Helveticum. In dieser Zeit gewährte sie den Kollegen des Instituts und einem interessierten Zürcher Publikum Einblick in ihr Leben unter rumänischer Diktatur und ihren Umgang mit Sprache. Am 10. Dezember 2009 erhielt sie in Stockholm den Nobelpreis für ihr Buch «Atemschaukel».

Samuel Schläfli
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war 2001 während drei Monaten literarischer Gast am Collegium Helveticum. Die Arbeit an ihrem aktuellen Roman «Atemschaukel» begann sie während dieser Zeit. (Bild: Collegium Helveticum)
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war 2001 während drei Monaten literarischer Gast am Collegium Helveticum. Die Arbeit an ihrem aktuellen Roman «Atemschaukel» begann sie während dieser Zeit. (Bild: Collegium Helveticum) (Galerie)

Johannes Fehr, Sprachtheoretiker und stellvertretender Leiter des Collegium Helveticum, war überrascht, als er Mitte Oktober erfuhr, dass der diesjährige Literaturnobelpreis an die aus Rumänien stammende Autorin Herta Müller geht: «Der Nobelpreis wird normalerweise für relativ einfach zugängliche Literatur vergeben». Dass er diesmal an eine Autorin mit einer ausgesprochen eigenständigen Sprache, mit vielen Ecken und Kanten, vergeben wurde, habe ihn erstaunt und riesig gefreut. Fehr kennt die Autorin persönlich von ihrem dreimonatigen Aufenthalt am Collegium Helveticum im Sommer 2001.

Spätestens seit den 90er-Jahren ist Müller einem literaturinteressierten Publikum in Europa bekannt, vor allem wegen ihrer unbestechlichen und prägnanten Stimme gegen Ceausescus Diktatur in Rumänien. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit im Land und Müller litt jahrelang unter den Schikanen des Regimes. Der Kampf gegen die Diktatur – nicht nur gegen diejenige in Rumänien, wie die Autorin oft betont – zieht sich als Motiv durch all ihre Romane hindurch.

Sprachbedeckter Fussboden

Während drei Monaten arbeitete die Autorin in einer kleinen Mansardenwohnung unweit vom Collegium Helveticum. Fehr erinnert sich: «Der Fussboden war mit Wörtern bedeckt, die sie aus Zeitschriften herausgeschnitten hatte. Sie verwendete die Schnipsel später für ihre Collagen.» Die erste von drei Lesungen, die Müller gemeinsam mit dem Collegium organisierte, widmete sich denn auch diesen Collagen. Fehr war begeistert von der essayistischen und von persönlichen Erlebnissen getragenen Lesung im Literaturhaus Zürich: «Ein denkwürdiger Anlass!» Das Literaturhaus war damals gestossen voll. Viele Bekannte, von denen Fehr gar nicht wusste, dass sie ebenfalls dort waren, hätten ihn im Zuge der Nobelpreis-Bekanntgabe wieder auf diesen Abend angesprochen. Wie die Autorin an jenem Abend erzählte, schätzt sie die kurzfristige Collage als idealen Ausgleich zur Arbeit an einem Roman, die sie oft für mehrere Jahre in Anspruch nimmt.

Müllers Einladung ans Collegium war grundsätzlich an keine Bedingungen geknüpft. Sie sei zwar stets zu Exkursionen oder gemeinsamen Collegium-Projekten animiert worden, erinnert sich Fehr, ein Austausch ausserhalb ihres literarischen Werks sei jedoch nur selten zustande gekommen. Zu absorbiert von ihren eigenen Themen und ihrem literarischen Schaffen sei sie gewesen. «Herta Müller zeigte sich als Person, die sich von niemandem und keiner Institution vereinnahmen lässt – auch nicht von einem Institut, das sich die Transdisziplinarität auf die Fahne geschrieben hat», sagt Fehr in Anspielung auf das Collegium.

Recherchen für den Nobelpreis-Roman

Müller befasste sich während der Zeit in Zürich intensiv mit dem Schicksal der deutsch-rumänischen Minderheit, die nach dem zweiten Weltkrieg in Arbeitslager in die damalige Sowjetunion deportiert wurde. «Müllers Mutter hatte diese Lager überlebt, sprach jedoch nicht über ihre Erfahrungen. Deshalb entschloss die Autorin sich dazu, auf die Suche nach Menschen mit dem gleichen Schicksal zu gehen und diese zu interviewen. Das waren die ersten Recherchen zu ihrem aktuellen Roman `Atemschaukel`», sagt Fehr.

Die zentrale Figur in «Atemschaukel» geht auf den aus Rumänien stammenden Poeten und Lyriker Oskar Pastior zurück. Pastior wurde als 17-Jähriger in die heutige Ukraine deportiert, wo er vier Jahre lang in einem Arbeitslager gefangen war. Er konnte Müller sehr detailliert über seine Erfahrungen und die Zustände in den Lagern berichten und nahm sie später zur Besichtigung der Originalschauplätze mit. Pastior war auch Müllers Wunschgast für den zweiten Abend im Literaturhaus Zürich. Fehr spricht abermals von einem Highlight. Die schwer zugänglichen und stark verdichteten Texte Pastiors hätten aus seinem Munde vorgetragen nochmals eine ganz andere Dimension erlangt.

Die Botschaft im Mittelpunkt

Und wie haben die ETH-Kollegen Müller als Mensch und Mitarbeiterin erlebt? «Sie war allergisch auf jede Form von Smalltalk. Wenn sie fühlte, dass sie und ein Gesprächspartner sich nichts zu sagen hatten, konnte sie brüskierend sein, ihre Haltung sehr dezidiert zum Ausdruck bringen, ohne dabei um Ausgleich bemüht zu sein», erinnert sich Fehr. Als er einmal seine Bewunderung für Müllers prägnante Sprache äusserte, habe diese geantwortet: «Ihr Sprachwissenschaftler seid doch alle gleich: Ihr interessiert euch nur für die Form, dabei geht es mir in erster Linie um die Benennung von Unrecht, Angst und Tod». Fehr betont jedoch, dass die Autorin gleichzeitig äusserst liebenswürdig gewesen sei, sobald man eine gemeinsame Ebene des Gesprächs gefunden habe.

Auf einer Collage, die Müller für das Titelblatt des Collegium-Newsletters zusammenstellte, heisst es: «Wenn es einen Ort wirklich gibt, dann streift er das Verlangen». Fehr ist überzeugt, dass Herta Müller bei einigen Kollegen an der ETH das Verlangen nach Wahrheiten und Erzählungen aus einer wenig ruhmreichen Vergangenheit gestreift hat und ihre damaligen Auftritte in Zürich bis heute nachhallen.

 
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