Veröffentlicht: 30.10.09
Management

Langsam wachsen zahlt sich aus

Firmen sind zurzeit günstig zu kaufen. Doch Vorsicht: Eine neue Studie der ETH Zürich und der Universität St.Gallen in der Harvard Business Review zeigt, dass Firmenübernahmen oft viel kosten und wenig zum Gewinn beitragen. Eine doppelt so hohe Rendite wird erzielt, wenn das Wachstum durch firmeninterne Innovationen getrieben ist.

Thomas Langholz
Einen Wettbewerber schlucken kann einer Firma auf lange Sicht den Appetit verderben. Langsames Wachsen durch Innovationen ist da nachhaltiger. (Bild: iStockphoto/Miroslaw Pieprzyk)
Einen Wettbewerber schlucken kann einer Firma auf lange Sicht den Appetit verderben. Langsames Wachsen durch Innovationen ist da nachhaltiger. (Bild: iStockphoto/Miroslaw Pieprzyk) (Galerie)

Am 16. März 2000 war Schluss: BMW verkaufte nur sechs Jahre nach der Übernahme und Kosten von rund viereinhalb Milliarden Euro den Autohersteller Rover für symbolische fünf Pfund an eine britische Investorengruppe. Nur eine von vielen gescheiterten Firmenübernahmen. Unternehmen wachsen solider und sicherer, wenn sie auf Innovationen setzen und nicht auf viele und grosse Übernahmen. Dies zeigt eine Studie von Georg von Krogh, ETH-Professor für Strategisches Management und Innovation, und Sebastian Raisch, Assistenzprofessor für strategisches Management an der Hochschule St.Gallen, die jetzt in der Harvard Business Review veröffentlicht wurde.

Sie untersuchten das Firmenwachstum des Fortune’s Global 500, einer jährlich erscheinenden Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen. Dabei zeigte sich, dass Firmen, die durch Produkt- oder Dienstleistungsinnovationen wuchsen, langfristig bessere Ergebnisse erzielten. Dieser Teil der untersuchten Firmen konnte sogar eine fast doppelt so hohe Rendite für die Aktionäre erwirtschaften, als diejenigen Unternehmen, die ihr Umsatzwachstum hauptsächlich durch Firmenübernahmen erzielten.

Vertiefende Studie

In ihrer Analyse werteten die Wissenschaftler die Finanzdaten von 500 Firmen aus und führten Interviews mit zahlreichen Managern. Insbesondere interessierte sie die Antwort auf die Frage, warum Firmenübernahmen nicht zu den gewünschten Erfolgen führen. In ihrer Untersuchung fanden sie eine Vielzahl von Gründen. Zum Beispiel tobt schon im Vorfeld der Übernahme ein Bieterwettbewerb um das zu verkaufende Unternehmen. «Dies führt dazu, den Preis des Übernahmekandidaten in die Höhe zu treiben. Ob sich die Investition dann wirklich auszahlt, stellt der Käufer erst später fest», sagt Georg von Krogh. Jeder Firmenkauf verursacht erst einmal Integrationskosten. Das führt in den Jahren nach der Übernahme zu hohen Belastungen. Darüber hinaus bezahlt der Käufer auch für unnötige Firmenteile, die er nicht in seinen eigenen Betrieb eingliedern kann. Dies können einzelne Produkte aber auch technologische Systeme sein. Hinzu kommt, dass auch positive und über Jahre gewachsene immaterielle Firmenwerte, wie Vertrauen in die Organisation oder Qualitätsversprechen, oft verloren gehen. «In jedem Unternehmen gibt es Entwicklungsabteilungen oder Verkaufsmannschaften mit ihrer eigenen Kultur. Nach dem Zusammenschluss entbrennt dann der Streit, welches der beiden Teams dominieren wird. Dieser Kampf frisst viel Zeit und Ressourcen. Es dauert lange, bis die Innovationskraft in diesen Bereichen für das eigentliche Geschäft wieder da ist», betont Sebastian Raisch.

Innovation von innen

Viel wirtschaftlicher sind Innovationen aus dem Unternehmen heraus, stellten die Wissenschaftler fest. Dies können Neuerungen bei Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen sein. Bei den besten Firmen liegen die Produktivitätsverbesserungen bei rund sechs Prozent pro Jahr. «Diese erreichen Firmen durch den besseren Einsatz von Technologien und nicht durch Entlassungen», sagt Georg von Krogh. Diese Firmen kaufen vor allem kleinere Unternehmen, die ihre schon bestehenden Produkte und Technologien sinnvoll ergänzen oder stärken.

Die durch die internen Verbesserungen eingesparten Mittel können dann zum Beispiel Produktverbesserungen finanzieren. So auch bei Nestlé. Durch die gesteigerte betriebliche Effizienz konnte das Budget für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in den vergangenen Jahren verdoppelt werden. Ein Ergebnis war das Nespresso-System, das in der Folge den Markt für Portionskaffee revolutionierte.

Auswahl der besten Ideen

Doch auch bei den Innovationen gibt es einige Regeln zu beachten. Auch hier gilt nicht die Devise: «Viel hilft viel». Vielmehr ist eine Auswahl der richtigen Innovationen wichtig. «Es ist besser, den Fokus auf einige wenige Neuerungen zu richten, als sich zu verzetteln», sagt Sebastian Raisch. Bei General Electric (GE) wurden von ursprünglich 2000 Vorschlägen nur die 80 innovativsten Projekte weiterverfolgt, die eine grosse Bedeutung für die Firma und ihre Kunden hatten. Diese erwirtschafteten innerhalb von drei Jahren ein Wachstum von mehr als 7,5 Milliarden US Dollar. Insbesondere Produktideen, die Kundenbedürfnisse wecken oder erfüllen, wie zum Beispiel ein günstiges, portables Ultraschallgerät, das bei GE in Indien entwickelt wurde, erschliessen neue Märkte und ermöglichen eine Neuausrichtung am Markt.

Keine schnellen Übernahmen

Doch nicht nur das Wachstum an sich, sondern auch die Wachstumsgeschwindigkeit ist wichtig. Schon in einer früheren Studie entwickelten die Wissenschaftler das Modell eines Wachstumskorridors, der zeigt, ob Firmen zu schnell wachsen.

In der derzeitigen Wirtschaftssituation sehen beide Autoren die Gefahr, dass viele Manager auf Einkaufstour gehen: «Zurzeit sind viele Firmen sehr günstig. Da wächst die Gefahr, dass im Aufschwung eher Expansions- als Innovationsstrategien eingesetzt werden», sagt von Krogh. Die derzeitigen Indikatoren sagen eine Erholung der Wirtschaft für das kommende Jahr voraus. Die Gefahr von schnellen Übernahmen wächst. «Wir raten dringend, sich vor einem Firmenkauf genau zu überlegen, ob er wirklich notwendig ist und ob damit eine reale Innovation für das eigene Unternehmen geschaffen werden kann. Sollte dies mit «ja» beantwortet werden können, so ist es wichtig, nachhaltiges Wachstum innerhalb der Grenzen des Wachstumskorridors durchzuführen.»

 
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