Neue Sicherheitsstrategie für das 21. Jahrhundert
Am vergangenen Freitag erhielten die Absolventen des «Masters of Advanced Studies in Security Policy and Crisis Management» ihre Diplome an der ETH Zürich. Mit dabei auch die Leitenden der Deutschen Bundeswehr, der Schweizer Armee und des Österreichischen Bundesheers. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, der ranghöchste Offizier der Deutschen Bundeswehr, forderte in seiner Diplom-Ansprache eine neue vernetzte Sicherheitsstrategie.
Gerade am denkwürdigen 11. September erhielten die Absolventen des Studienganges für Sicherheitspolitik und Krisenmanagement ihr Masterdiplom. Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der Deutschen Bundewehr, ging in seiner Diplom-Ansprache auf die neuen sicherheitsrelevanten Herausforderungen der Zukunft ein. «Das Sicherheitsdenken nur auf das Militär zu reduzieren ist falsch», betonte der General. Seiner Ansicht nach müsse ein Umdenken stattfinden. An Stelle eine Verteidigungsstrategie müsse jetzt eine vernetzte Sicherheitsstrategie treten. Er verdeutlichte dies an der aktuellen Situation in Afghanistan. «Wenn wir ermöglichen, dass acht Millionen Kinder in Afghanistan wieder in die Schule gehen können, dann müssen wir uns gleichzeitig fragen, was machen diese Kinder nach der Schule?» Erst wenn diese Frage beantwortet sei, könne man davon ausgehen, dass ausreichend Sicherheit vorhanden sei.
Er betonte, dass Spannungen zwischen entfernten Ländern auch nach Europa getragen werden. «Es gibt keinen geographischen Schutz mehr», sagte Schneiderhan. Durch die Globalität kann jeder Staat auch über weite Entfernungen in Konflikte hereingezogen werden. In Deutschland habe man nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der russischen Armee die Hoffnung gehabt, dass eine kriegerische Auseinandersetzung in weite Ferne gerückt sei. Doch seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gab es über 300 kriegerische Auseinandersetzungen. Mit dem Ende des Kalten Krieges sei die erzwungene Stabilität weggefallen. Dies führte dazu, dass ungelöste Konflikte durch willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialmächte oder der Balkan-Konflikt ausgebrochen seien.
Verlust des Gewaltmonopols
Jetzt gehe es auch um neue Konflikte, wie zum Beispiel zusammenbrechende Staaten, wo das Gewaltmonopol nicht mehr in der Hand des Staates liege. Hier sei es wichtig, die Sicherheit für die Bevölkerung, aber auch für den eigenen Staat wieder herzustellen. Auch die organisierte Kriminalität oder der Drogenhandel machen es notwendig, die Sicherheitslagen nicht nur monokausal zu betrachten. Schneiderhan betonte, dass es nicht ausreiche, nur Institutionen zu vernetzen, sondern man müsse über vernetzte Inhalte eine vernetzte Sicherheit ermöglichen. Insbesondere müssten ethische Fragen auch diskutiert werden. «Was können wir tun, um die Versöhnungsfähigkeit, um Toleranz zu unterstützen?» fragte Schneiderhan. Es gehe darum, Werte zu vermitteln. Ziel sei es, von einer kollektiven Verteidigungsstrategie zur einer Sicherheitsstrategie zu kommen. Doch wie gelingt dies? Nach seinen Worten gehört dazu eine präventive Fähigkeit. Hier muss die Rolle des Militärs, aber auch der Diplomatie geklärt werden. Darüber hinaus muss es eine Interventionsfähigkeit geben, um Kriegsparteien auseinanderzubringen. Als dritten Punkt nannte er die Krisennachsorge, das heisst den Aufbau und das «Nation Building».
Krisen 6000 Kilometer entfernt von der Heimat
Eine weitere Herausforderung sieht er in der logistischen Aufgabe an Krisenherde zu gelangen. «In den Zeiten des Kalten Krieges grenzte Deutschland an die Staaten des Warschauer Paktes. Wir konnten übertrieben gesagt zu Fuss an die Grenze gehen. Heute müssen wir den Transport, die Versorgung und die Sicherheit unserer Soldaten über 6000 Kilometer hinweg sicherstellen.» Früher wurden die Abläufe auf den Kalten Krieg hin optimiert. Eine 800 Kilometer lange Grenze markierte eindeutig die Linie zwischen Freund und Feind. Bei allen Abschreckungen konnte in Krisenfällen noch über das «rote Telefon» kommuniziert werden. «Doch wen wollen Sie heute anrufen? Der terroristische Gegner hat andere Werte.» Um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können, müsse man folgende Fragen beantworten: Was müssen Streitkräfte können? Und was müssen Regierungen tun, um sich zu vernetzen? Hier könne man viel von den Absolventen des Masterstudienganges und ihrem Wissen profitieren.
Werben um Verständnis
Eine weitere Herausforderung sehe er in der Kommunikation. Aus deutscher Sicht müsse man der Bevölkerung erklären, warum 4300 deutsche Soldaten in Afghanistan sind. «Für die Bevölkerung ist der Einsatz eine virtuelle Erfahrung. Wenn jemand betroffen ist, dann die Leute vor Ort», betonte Schneiderhan. Nur wenn die Bevölkerung im eigenen Land den Einsatz mittrage, könne man die Herausforderungen meistern und junge Männer auch für den Dienst begeistern. Er gratulierte den Absolventen zu ihrem Abschluss: «Seien Sie stolz auf diese Leistung.»
Korpskommandant André Blattmann, Chef der Schweizer Armee, bedankte sich bei den Absolventen für ihre Leistung. Jetzt seien die Absolventen für kommende Aufgaben gewappnet. Seiner Ansicht nach könnte die Herausforderungen in der Sicherheitspolitik nur mit einem multiplen Ansatz begegnet werden. Dafür biete der Studiengang an der ETH eine einmalige Plattform. «Sie haben viel gelernt; auch über Landesgrenzen hinaus. Jetzt erwarten wir Ihren Return on Investment».
Master of Advanced Studies in Security and Crisis Management (MAS ETH SPCM)
Das Masterstudium SPCM wendet sich an Führungskräfte aus Militär, Verwaltung und Wirtschaft, um diese auf strategische Herausforderungen in Sicherheitspolitik und im Krisenmanagement vorzubereiten. Die Module dieses weltweit einmaligen Studiengangs finden an der ETH Zürich, dem King’s College London und in Washington D.C. statt. Während 18 Monaten beschäftigen sich die Studierenden berufsbegleitend mit sicherheitsrelevanten Themen. Dies sind unter anderem: Führen in der Krise, Gründe und Ursachen für sicherheitsrelevante Bedrohungen, Sicherheitspolitik, Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Sicherheitsoperationen. «Besonders wichtig für uns ist die Verbindung von Theorie und Praxis», betont Andreas Wenger, Professor für schweizerische und internationale Sicherheitspolitik und Direktor des Center for Security Studies. Ermöglicht wird dies durch Diskussionen mit Experten aus allen sicherheitspolitischen Bereichen, wie zum Beispiel dem Militär, der Politik und der Wirtschaft sowie der Arbeit mit realistischen Fallbeispielen. Den Abschluss bilden verschiedene mündliche und schriftliche Prüfungen sowie eine Masterarbeit.
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