Veröffentlicht: 10.07.09
Neuerscheinung

Gefühle «on the rocks»

Ein neu erschienenes Buch aus dem Collegium Helveticum verbirgt seinen exzessiven Inhalt hinter einer Fassade äusserster Zurückhaltung. Der Band «Gefühle zeigen» bietet transdisziplinäre Erkundungsreisen in die Welt der Gefühle.

Martina Märki
Pygmalion, der Künstler, dessen Statue zum Leben erwacht, lässt ETH-Professor Reinhard Nesper über die Rolle der Gefühle in der Wissenschaft nachdenken. (Bild: Darstellung nach Thomas Bulfinch, 1897/ Clipart 2009,Florida Center for Instructional Technology)
Pygmalion, der Künstler, dessen Statue zum Leben erwacht, lässt ETH-Professor Reinhard Nesper über die Rolle der Gefühle in der Wissenschaft nachdenken. (Bild: Darstellung nach Thomas Bulfinch, 1897/ Clipart 2009,Florida Center for Instructional Technology) (Galerie)

Das Buch gleicht einem Schneequader. Der erste Eindruck ist der äusserster Weisse. Der Titel, zart und eher grau als schwarz gesetzt, ist so klein und zurückhaltend, wie es für einen Buchtitel fast nicht mehr vertretbar ist. Erst auf den zweiten Blick sichtbar werden eingelegte tiefschwarze Trennblätter, die das Buch wie Risse unter der Fassade oder Sollbruchstellen teilen. Die sind auch nötig, denn das Buch umfasst nahezu 600 Seiten.

600 Seiten Gefühl

600 Seiten Gefühl, das könnte eher gefühlsungewohnte Menschen schon aus der Fassung bringen. Vielleicht darum die äusserste gestalterische Dezenz dieses Buches. Sie signalisiert: Gefühle werden hier nicht einfach so an die Oberfläche gezerrt. Sie werden hier vielmehr wissenschaftlich präpariert und seziert, tiefgründig betrachtet, vorsichtig gedreht und gewendet, umsichtig umkreist, mit ausführlichen Fussnoten versehen, aber auch immer wieder mal aus eher ungewöhnlichen Blickwinkeln beäugt.

Wer sich von der kühlen Fassade nicht täuschen lässt, kann durchaus abenteuerliche Entdeckungen machen. Natürlich kommt das Buch nicht um die klassischen Fragen herum: Was sind Gefühle überhaupt (etwa im Gegensatz zu Emotionen), wie natürlich bzw. wie kulturell geprägt sind unsere Gefühle, wann dürfen wir Gefühle zeigen und wann nicht? Auch visuell erhellend und amüsant ist hierzu beispielsweise der Beitrag von Angelika Linke, Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Zürich, die unter dem Titel «Sprache, Körper, Siegergesten» anhand von Sportfotografien die historische Normiertheit des Gefühlsausdrucks aufzeigt.

Spaziergänge im transdisziplinären Gefühlsirrgarten

Spannender finde ich persönlich allerdings die etwas unerwarteten Beiträge wie denjenigen des Zürcher Religionswissenschaftlers Ingolf U. Dalferth über den Zorn Gottes oder die Betrachtungen von Reinhard Nesper, Chemieprofessor an der ETH Zürich, über den Pygmalionmythos aus naturwissenschaftlicher Sicht, die eigentlich ein Essay über die erotische Beziehung zur Wissenschaft sind. Oder die Beiträge mit dem japanischen Nō-Spieler Okada Kōichi. Auch die Ausführungen von Michael Hagner, ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, über das weibliche Gehirn, einen alten Mythos der Hirnforschung, haben mich als Leserin sehr neugierig gemacht.

Überhaupt ist dieses Buch etwas für neugierige Leser, die sich gerne auf allerlei Um- und Abwege führen lassen, die sich hier und da festlesen, anderes auf der Seite lassen und ganz dem Lustprinzip folgend, ihrer Neugier keine allzu engen systematischen Fesseln anlegen. Denn eines ist dieses Buch sicherlich nicht - ein wohlgeordnetes Lehrbuch der Gefühle. Wer sich mäandernd durch das ganze Buch bewegt hat, dem mag es durchaus so ergehen wie dem Moderator der Fernsehsendung «Sternstunden Philosophie», Michael Pfister, der als Testleser anlässlich der Buchvernissage im Collegium Helveticum bekannte, er sei nach der Lektüre des Buches verwirrter als zuvor. Ist das schlecht? Ganz und gar nicht: Neugier und Verwirrung können ja durchaus produktive Gefühle sein, insbesondere in der Wissenschaft.

Gefühle zeigen

Das Buch ist hervorgegangen aus der gleichnamigen Veranstaltungsreihe des Collegium Helveticum und versammelt Beiträge von über 20 Autorinnen und Autoren. Herausgeber sind Johannes Fehr und Gerd Folkers. Es wird vom Chronos Verlag verlegt.
ETH Life verlost drei Exemplare an seine Leserinnen und Leser. Zur Teilnahme an der Verlosung schicken Sie bis spätestens 16. Juli ein E-Mail mit Betreff «Gefühle» an ethlife@cc.ethz.ch.
Das Buch kann über die Polybuchhandlung zum Preis von 48 Franken bezogen werden. Die ersten 25 Käuferinnen und Käufer erhalten 10 Prozent Rabatt beim Kauf des Buches innerhalb der nächsten zwei Wochen.

 
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