Aus dem Labor in die Wirtschaft
Nicht jeder Spitzen-Forscher ist auch ein guter Verkäufer. Die ETH unterstützt ihre Wissenschaftler aktiv bei der Vermarktung ihrer Erfindungen an die Wirtschaft.
Robert Grass ist immer noch begeistert, wenn er an die TechConnect in Houston, Texas, denkt. Der junge Firmengründer war auf Einladung von ETH transfer und der Micro und Nanoscience Platform in die USA gereist, um seine Firma Turbobeads und ihre Produkte vorzustellen. «Für uns war die Teilnahme sehr erfolgreich. Wir haben eine Firma kennen gelernt, mit der wir ein gemeinsames Projekt starten können.» Was nicht wie eine Erfolgsmeldung klingt, ist für Spin-offs oft der erste Schritt in eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit. Der persönliche Kontakt zu potentiellen Geschäftspartnern, der Zugang zu Risiko-Kapital oder eine Vereinbarung mit einem Lizenzpartner aus der Industrie sind notwendig, um eine neue Firma zum Laufen zu bringen.
Forscher unterstützen
Diese Kontakte zu finden und zu etablieren, ist Teil der Vermarktungsstrategie der ETH Zürich für ihre Erfindungen. Jährlich werden tausende von Forschungsergebnissen aus den ETH-Labors veröffentlicht. Zum Teil ist eine Erfindung oder eine neue Software damit verbunden. Neben der Grundlagenforschung auch direkten Mehrwert für die Wirtschaft zu leisten, ist Teil der ETH-Strategie. «Wir wollen, dass unsere Absolventinnen und Absolventen unternehmerisch denken», betont Peter Chen, Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen.
Damit diese Ideen ihren Weg in die Industrie und damit in die Gesellschaft finden, unterstützt ETH transfer die Wissenschaftler. Die Transferstelle bildet die Verbindung zwischen der Hochschule und der Wirtschaft. Sie hilft ETH-Angehörigen bei der Zusammenarbeit mit der Industrie und kümmert sich um Erfindungen, Patentanmeldungen und Lizenzierungen sowie der Gründung einer ETH Spin-off Firma. «Doch nicht jeder Forscher kennt sich auch bei der Patentierung seiner Erfindungen aus», sagt Marjan Kraak, zuständig für die Vermarktung der ETH Patente. In einem ersten Gespräch klärt ETH transfer mit den Forscherinnen und Forschern, was hinter der Erfindung steckt und ob daraus ein Patent werden kann. Anschliessend wird überprüft, ob sich die Idee überhaupt vermarkten lässt. Gibt es eine Nachfrage? Wo steht der Entwicklungsprozess? Und ist eine Markteinführung absehbar?
Strenge Auswahl
Von jährlich rund 100 eingereichten Erfindungen und Software werden etwa 50 weiterverfolgt. Doch bis zum industriellen Einsatz und damit zur kommerziellen Nutzung eines Forschungsergebnisses ist es ein langer Weg. Am Anfang steht die Patentierung. Diese schützt die Idee des Erfinders. Das Recht auf kommerzielle Nutzung eines Patentes kann jedoch durch eine exklusive oder nicht-exklusive Lizenz auf andere übertragen werden. Die ETH bleibt jedoch immer deren Inhaberin.
Doch was kann überhaupt patentiert werden? Jede Erfindung, die neu ist, sich vom bekannten Stand der Technik abhebt und technisch anwendbar ist. Erfindungen können Produkte, wie zum Beispiel neue Joghurtkulturen, Maschinen, oder auch chemische Verbindungen, wie zum Beispiel Aspirin sein. Patentiert sind auch neue Verfahren, wie zum Beispiel die Gefriertrocknung von Kaffee.
«Für uns ist es wichtig, dass nur die Ideen, die eine reelle Chance auf eine Vermarktung haben, auch patentiert werden, da die Patentierung in der Anfangsphase schon bis zu zwanzigtausend Franken kosten kann», erklärt Marjan Kraak. Da die Patentierungs-Kosten nach 30 Monaten nochmals erheblich steigen, wird versucht, innerhalb dieser Zeit einen Lizenznehmer zu finden. Von den im Jahr 2005 eingereichten Patentanmeldungen, konnten bis heute 55 Prozent als Lizenzen an die Industrie vermarktet werden. Von den in diesem Jahre eingereichten Ideen soll die Vermarktungsquote noch erhöht werden.
Vermarktung auf allen Kanälen
Die Vermarktung der Lizenzangebote findet auf verschiedenen Wegen statt. ETH transfer veröffentlicht eine kurze Beschreibung der Erfindung auf der Internetseite der Swiss Technology Transfer Association (swiTT). Dort haben sich alle Schweizer Transferstellen zusammengeschlossen, um ihre Erfindungen zu präsentieren. Auch auf der Internetplattform Science and Business erhalten Interessenten alle Informationen über die neuesten ETH-Erfindungen. Ziel dieser Seite ist es, Verkäufer und Käufer neuester Technologien zusammen zu bringen. Daran beteiligt sind, neben der ETH Zürich, die University of Cambridge, das Karolinska Institutet in Solna (Schweden) und das Imperial College London.
«Darüber hinaus sprechen die Forscher ihre Industriekontakte an, ob sie Interesse haben, das Patent zu nutzen. Bei vielen sehr hochtechnischen Erfindungen wissen die Wissenschaftler am besten, für welche Bereiche dies von Interesse sein könnte», sagt Marjan Kraak. Ausserdem verfügt ETH transfer über eine Vielzahl von Industriekontakten. Potentielle Interessenten werden über einen Newsletter gezielt über die neuesten Lizenzmöglichkeiten der ETH informiert.
Präsentation auf Branchenmessen
Eine sehr erfolgreiche Möglichkeit, die neuesten ETH-Ideen vorzustellen, bieten spezielle Messen und Kongresse, wie zum Beispiel die BIO 2009 in Atlanta oder die TechConnect 2009 in Houston, Texas. Allein auf der Bio-Messe nahmen über 14.000 Biotechnologie-Fachleute aus 58 Ländern teil. Eine Besonderheit dieser Messen sind die Partner-Treffen. Dort verabreden sich im Halbstunden-Takt Interessenten mit Anbietern, um ihre Projekte vorzustellen. Eine ausgefeilte Software regelt die Termine. «Dort erreichen wir gezielt die Firmen aus den Fachbereichen, die für unsere Lizenzangebote und für unsere Spin-offs interessant sind, nämlich Innovations- und Business-Development-Manager, Personen aus der Industrie, sowie Risikokapitalgeber», betont Kraak.
An der TechConnect, die zusammen mit der Nanotech- und Cleantech-Messe im Mai dieses Jahres stattfand, waren 4.000 Teilnehmer aus 70 Ländern aus dem Nanotechbereich vor Ort. Die ETH Zürich war mit fünf Technologien und den Spin-offs Nanograde, Turbobeads und einem noch zu gründenden Spin-off vor Ort. «Die Kontakte mit potentiellen Kunden sind sehr wertvoll. Diese geben ein direktes Feedback auf unsere Geschäftsidee. Dadurch können wir unser Produkt anpassen. Der Besuch der Messe war für uns ein sehr grosser Impuls» fasst Turbobeads Firmengründer Robert Grass seine Erfahrungen zusammen. «Durch diese Erfahrungen werden wir dieses Jahr zusätzlich noch eine Chemie-Messe besuchen.»
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