«Unser Vorteil ist die Nähe zu den Naturwissenschaften»
Eine Studie des «Handelsblatt» untersuchte die Leistung von 2100 Betriebswirtschafts-Dozenten im deutschen Sprachraum. Bester Schweizer Vertreter gemessen am Lebenswerk ist Georg von Krogh auf Rang 10, und bei den unter 40jährigen steht Stephan Wagner auf Platz 5. Im Interview erklären die beiden ETH Professoren vom Departement Management, Technologie und Ökonomie was die Management Ausbildung an der ETH so besonders macht und warum Rankings immer nur die halbe Wahrheit erzählen.
Im Handelsblatt-Ranking sind Sie und damit auch die ETH unter den «Top-Ten» gelandet. Was bedeutet das Ranking für Sie?
Georg von Krogh: Das nehme ich sehr gelassen, wie bei sportlichen Anlässen.
Stephan Wagner: Ich habe mich erst einmal gefreut und sehe, ich bin nicht bei den Schlechtesten dabei. Ich bin aber kein Ranking-Gläubiger.
Die Studie wertet 761 Fachpublikationen aus. Betriebswirtschafts-Dozenten kritisierten im Vorfeld der Untersuchung, dass sich damit Forschung nicht beschreiben lässt.
von Krogh: Unsere Forschung muss noch viel mehr sein, als Ergebnisse in Zeitschriften zu publizieren. Sie soll zum Beispiel die pädagogische Qualität im Studium unterstützen oder Firmen und Organisationen bei der Lösung forschungsrelevanter Probleme helfen. Die Publikationen geben nur einen kleinen Teil der Forschungsleistung wieder. Es ist kompetitiv, in guten Fachmagazinen zu publizieren. Bei einigen Journals liegt die Akzeptanzrate aller eingereichten Beiträge lediglich zwischen 3 und 5 Prozent.
Wagner: Nur auf Rankings zu schielen, ist zu kurz gedacht. Jedes Ranking ist auch kritisierbar: Welche Zeitschriften wurden bewertet, wie ist ihre Gewichtung etc. Auf der anderen Seite ist Publizieren Teil unseres Geschäfts, wenn wir unser Know-how international verbreiten wollen. Früher reichte es vielleicht, ein Lehrbuch auf Deutsch zu veröffentlichen, um bekannt zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Für Naturwissenschaftler ist es ganz normal international zu publizieren, für die BWL im deutschsprachigen Raum ist dies neu.
Das Departement «Management, Technologie und Ökonomie» (D-MTEC) wurde 2004 gegründet. Was ist das Besondere an diesem Departement?
von Krogh: Wir forschen in den Bereichen Management, Ökonomie, System-Dynamik und Risiko. Bachelorabsolventen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften bieten wir den Master in «Management, Technology, and Economics». Neben den wirtschaftlichen Bereichen können die Studierenden auch ihr Fachgebiet weiter verfolgen, um die neuesten Entwicklungen für den späteren Beruf mitzunehmen. Unser Doktorandenprogramm ist sehr interdisziplinär. Wir bringen Leute mit naturwissenschaftlichem, sozialwissenschaftlichem und technischem Hintergrund zusammen. Zurzeit haben wir über 140 Doktoranden. Insgesamt haben wir mehr als 500 Studierende am Departement.
Wie unterscheidet sich das BWL-Studium an der ETH von der Ausbildung an anderen Hochschulen?
von Krogh: Bei uns steht die Technologie sehr stark im Fokus. Dies sieht man zum Beispiel daran, dass viele unserer Professoren nicht nur in Management-Zeitschriften publizieren sondern auch in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften oder in technischen Publikationen, zum Beispiel in Computerwissenschaft oder Pharmazeutische Wissenschaften. Unsere Ausbildung verbindet die Natur- und Ingenieurwissenschaften mit dem Bereich Management und Ökonomie. Dadurch haben wir auch sehr viele internationale Bewerbungen von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Zum Beispiel, im vergangenen Jahr haben sich 215 internationale Studierende für unseren Master of Science Studiengang beworben. Von denen haben wir rund 60 Studenten angenommen.
Sehr wichtig für unsere Ausbildung ist es auch, bisherige BWL-Praktiken kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel in der Diskussion um die sehr schlechte Führungspraktiken bei Kündigungen oder strategische Fehlentscheidungen in der Automobilbranche. Wir wollen unsere Studierenden so auszubilden, dass sie auch aus Fehlern lernen, dass sie fragen, wie kann man das Management gesellschaftlich und wirtschaftlich verbessern?
Wagner: Das besondere sind auch die Schwerpunkte Risiko, Ressourcenökonomie und Management, sowie die Internationalität. Alleine an meinem Lehrstuhl für Logistikmanagement sind Mitarbeitende aus sieben verschiedenen Ländern. Hinzu kommt: die ETH ist sehr viel forschungsorientierter als andere Hochschulen. An einer reinen Business School gehen die Absolventen ins Investment Banking oder in das Consulting, an der ETH ist die Chance sehr gross, dass sie danach in die Logistik oder in Supply-Chain-Management-Positionen einsteigen.
Bei BWL denkt man nicht an die ETH. Sie wird in der Regel als naturwissenschaftlich-technische Hochschule gesehen. Geht Ihr Fachbereich da nicht verloren?
von Krogh: Ganz im Gegenteil. Es gibt sehr viele Vorteile durch die Nähe zu den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Gerade dadurch, dass wir hier an der ETH sind, sind unsere Ergebnisse sehr eng mit technischen Entwicklungen verbunden, wie zum Beispiel Mensch-Maschine Interaktion oder die Analyse von technischen und sozialen Risiken. Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an das Management gewandelt haben. Früher reichte es, grundlegende Kenntnisse im Management von Technologien zu haben, um bei einer Bank oder bei einer Versicherung zu arbeiten. Heute machen die jeweilige Technologie und ihre Prozesse einen Grossteil des Kapitals einer Firma aus. Damit Führungskräfte Technologie-Investitionen besser bewerten und umsetzen können, müssen sie die Technologie sehr gut verstehen.
Wagner: Dass wir in der BWL-Forschung zur Spitze gehören, zeigt das Handelsblatt-Ranking. Die Bedeutung eines Fachbereichs hängt auch mit der Anzahl der Professuren zusammen. Zum Beispiel zählt die Universität St. Gallen rund 60 Professoren und das D-MTEC 17, von denen sieben im Management-Bereich tätig sind. Trotzdem erreichen wir international eine grosse Wirkung. Der Vorteil der ETH ist, dass sie international als naturwissenschaftliche Hochschule einen hervorragenden Ruf geniesst, von dem auch wir profitieren.
Welches sind Ihre Forschungsschwerpunkte?
von Krogh: Wir untersuchen, wie neu eingeführte Technologien eine Branche verändern, oder welche Faktoren den Branchenerfolg oder -misserfolg bestimmen. Zum Beispiel den Einfluss von Forschungs- und Entwicklungsausgaben in diverse therapeutische Bereiche in pharmazeutischen Unternehmen. In einem weiteren Projekt wollen wir herauszufinden, welche relative Bedeutung Patente und Forschungspublikationen für den Erfolg biopharmazeutischer Firmen haben. Ein zweiter Schwerpunkt ist so genannte „Open Innovation.“ Hier haben wir untersucht, wie Firmen in der Softwarebranche mit Open Source Software umgehen, also die Tendenz, den Programmcode zu veröffentlichen. Ein dritter Bereich ist «Knowledge Management». Hier wird untersucht, welche Faktoren das Teilen von Informationen und Wissen bei einem Forschungs- und Entwicklungs-Team beeinflussen. Einer meinen Doktoranden hat kürzlich hierrüber eine Studie beim CERN abgeschlossen.
Wagner: Meine Forschungsschwerpunkte sind Risiken in Supply-Chains, Innovationen in diesem Bereich und Kunden-Lieferanten-Beziehungen. Zum Beispiel untersuchen wir seit drei Jahren, wie sich der Ausfall eines Lieferanten auf eine Firma auswirkt. Ein Lieferant, der ein zentrales Bauteil eines Produkts herstellt und auch das Know-how hat, kann ein ganzes Unternehmen lahmlegen. Wir durchleuchten auch, warum Hersteller zum Beispiel sehr lange an einem Lieferanten festhalten, obwohl es auf dem Markt günstigere Lieferanten gibt.
Studie und Departement
Die deutsche Zeitung
«Handelsblatt» hat eine Studie über die Forschungsleistung von 2100
Betriebswirten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz
durchgeführt. Erstellt hat die Studie das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI)
im Auftrag der Universität Konstanz. Basis des Rankings sind die Aufsätze in
761 Fachzeitschriften. Da Qualität und Renommee dieser Publikationen sehr
unterschiedlich sind, wurde jede Zeitschrift mit einem Gewichtungsfaktor
versehen. Ermittelt wurde zum einen die gesamte Publikationsleistung seit
Karrierebeginn, („Lebenswerk“) zum anderen Publikationsleistung seit 2005.
Das D-MTEC wurde im Jahr 2004
gegründet. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1928 zurück. Zurzeit gehören ihm 17 Professuren,
5 Zentren und 1 Institut an. Insgesamt arbeiten rund 350 Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter am Departement. Ziel des Departements ist es, das Zusammenwirken von
Technologie, Gesellschaft und Organisationen sowie den nachhaltigen Einsatz
natürlicher und menschlicher Ressourcen wissenschaftlich zu verstehen, in der
Realität zu gestalten und die entsprechenden Zusammenhänge zu vermitteln.
Personen
Georg von Krogh stammt
aus Norwegen und ist seit 2006 Professor für Strategisches Management und
Innovation an der ETH Zürich. Seit 2008 leitet er das D-MTEC.
Forschungsschwerpunkte sind technologische Innovationen, Wissens-Management und
Wettbewerbsstrategie. Er verfügt über eine grosse Erfahrung in Wissenschaft und
Industrie. So war er unter anderem Gastprofessor am MIT, Hitotsubashi
University (Tokio), und der London
School of Economics, Assistenz-Professor an der Bocconi University in Italien
und hatte verschiedene Positionen an der Universität St.Gallen inne. In der Industrie hat er
Unternehmen gegründet und Erfahrung als Verwaltungsrats- oder Beiratsmitglied
von mehreren Firmen und Organisationen.
Stephan Wagner ist seit April 2008 Inhaber des von der
Kühne-Stiftung finanzierten
Lehrstuhls für Logistikmanagement am MTEC der ETH Zürich und Akademischer
Leiter des Executive MBA in Supply Chain Management der ETH Zürich. Zuvor war
er Professor an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Nach einer
Berufsausbildung zum Bankkaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre
in Deutschland und den USA war er knapp 10 Jahre in der Unternehmenspraxis
tätig. Zunächst als Berater und Senior Manager bei einer internationalen
Top-Management-Beratung und später als Leiter Corporate Supply Chain Management
bei einem Schweizer Technologie-Konzern. Promotion und Habilitation erfolgten
an der Universität St. Gallen.
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