Wo Studierende Simulieren lernen
Die Computersimulation ist neben Theorie und Experiment zum dritten Standbein der Wissenschaft geworden. Nun schliessen erstmals Studierende das Basisjahr im Studiengang «Rechnergestützte Wissenschaften» ab.
Die ETH betreibt den schnellsten Rechner der Schweiz am Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS in Manno im Tessin. Doch wie setzt man solche Supercomputer ein? Wie formuliert man ein Problem so, dass es der Rechner versteht? Wie bringt man ihn dazu, ein Gleichungssystem mit bis zu einer Milliarde Unbekannten zu lösen? Die ETH bietet seit einem Jahr einen vollständigen Studiengang an, in welchem Studierende lernen, mit diesen Fragen umzugehen: Rechnergestützte Wissenschaften/Computational Science and Engineering (RW/CSE). Die ersten 18 Studierenden haben vergangene Woche das Basisjahr abgeschlossen.
Einzigartig in der Schweiz
Zwar existiert der Studiengang bereits seit 1997 – die ETH gehörte zu den drei ersten Anbietern in Europa –, aber damals stiegen die Studierenden erst im fünften Semester ein. Nach der Bologna-Reform begann der Studiengang bereits ab dem dritten Semester, und seit einem Jahr können nun an der ETH ein kompletter Bachelor- sowie – als einziger Schweizer Hochschule – ein Master-Studiengang belegt werden.
«Interdisziplinär» ist ein Modewort in der akademischen Welt – doch dieser Studiengang darf sich zurecht damit schmücken. Er wurde vor zwölf Jahren aus bestehenden Vorlesungen aus der Mathematik, der Informatik sowie den Natur- und Ingenieurwissenschaften gebildet. Und noch heute besuchen die Studierenden Vorlesungen aus diversen Departementen und sehen darin einen besonderen Reiz. «Ich habe mir erst überlegt, Elektrotechnik zu studieren», erzählt ein junger Mann, der letzte Woche das Basisjahr des Studiengangs beendet hat. «Weil mich Informatik ebenfalls interessiert, habe ich mich dann für RW/CSE entschieden.»
Im Basisjahr lernen die Studierenden die Grundlagen der Mathematik, Physik und Informatik. Im zweiten Jahr erwerben sie zusätzlich Grundkenntnisse in den Natur- und Ingenieurwissenschaften und programmieren eigene kleine Simulationen. «Das Studium ist anwendungsorientiert», sagt Kaspar Nipp, Professor am Seminar für Angewandte Mathematik, der den Studiengang seit der Gründung administrativ betreut, Mitglied im Leitungsausschuss ist und sich als Fachberater um die Anliegen der Studierenden kümmert. Nipp betreut die Vorlesung «Fallstudien», wo Gäste aus der ETH oder der Industrie Anwendungen aus ihrem Fachgebiet präsentieren. Die Studierenden sehen, wo überall Akademiker gefragt sind, die sich in Informatik, mathematischen Methoden und Anwendungen genug gut auskennen, um komplexe Probleme durch Simulationen am Computer zu lösen. Und die Industrieunternehmen können hochqualifizierte Mitarbeiter anwerben. Die Berufsaussichten für RW/CSE-Absolventen sind erfahrungsgemäss sehr gut.
Von Computergames bis zur Wetterprognose
Anwendungen für RW/CSE reichen von Animationen in Computergames über Produktdesign bis zu Quantenchemie und Wetterprognosen. So arbeitet bei der MeteoSchweiz ein RW/CSE-Alumnus. Er hatte sich innerhalb des RW/CSE-Studiums Atmosphärenphysik als Vertiefungsgebiet gewählt.
Am Apéro, mit dem die Absolventen und Organisatoren des familiären Studiengangs vergangenen Donnerstag das Semesterende feierten, präsentierten Wissenschaftler der ETH den Studierenden die möglichen Vertiefungsgebiete. Nebst Atmosphärenphysik sind es Astrophysik, Chemie und Biologie, Fluiddynamik, Regelungstechnik, Robotik, Theoretische Physik, Financial Engineering und Electromagnetics. Dominik Obrist, Dozent vom Institut für Fluiddynamik, brachte es in seiner Präsentation auf den Punkt: «We need CSE students!»
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