Kein Projekt ohne «Wa»
Architekt York Ostermeyer ist für die ETH in Japan. Dort soll ein neues Wandsystem, das von der ETH Zürich, der Universität Tokyo und der EMPA entwickelt wurde, eingesetzt werden. Er berichtet, wie wichtig ein persönliches Gespräch für die Kooperation mit Japanern ist und warum geändertes Heizverhalten dort zu Schimmel führt.
Am Lehrstuhl für Nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich befasse ich mich mit der Übertragung von Bautechnologien von der Schweiz nach Japan. Hierzu sind Anpassungen an Klima und Kultur notwendig. Ziel ist es, nachhaltige Gebäude über Europa hinaus zu verbreiten. Neben der eigentlichen Forschung und Entwicklung besteht ein wichtiger Teil meiner Arbeit darin, die japanischen Kontakte zu pflegen. Zurzeit bin ich in Tokyo, um mich mit den japanischen Projektpartnern zu besprechen.
Immer höflich
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich an die Bedingungen einer so unterschiedlichen Kultur wie der japanischen anpasst. Hat man in Zürich sein Ticket noch mit einem freundlichen Nicken und einem «Besten Dank» entgegen genommen und dann wenig später das Flugzeug betreten, so verläuft der Weg vom Flugzeug über den Flughafen zum Zug in Japan deutlich kommunikativer. Bevor man seinen Sitzplatz im Narita Express Richtung Tokyo Station einnimmt, hat man sich sicherlich zehn Mal verbeugt, in diversen Abstufungen bedankt und bei mehreren Gelegenheiten Auskunft über die ungewöhnliche Körpergrösse gegeben. Trotz Jetlag kommen diese Verhaltensweisen irgendwie von selbst. Auch Erstbesucher ertappen sich schnell bei der Imitation typisch japanischer Höflichkeitsfloskeln, ohne eigentlich genau zu verstehen, ob diese gerade angebracht sind. Der Begeisterung der Japaner können sie sich trotzdem sicher sein.
Andere Baustandards
Der japanische Baustandard ist nicht besonders gut. Viele Systeme sind importiert und niemals an die japanischen, feuchtwarmen Klimabedingungen angepasst worden. Dämmung ist eher eine Luxus-Zusatzoption und Zweifachverglasung sucht man fast überall vergebens. Trotzdem liegt der Energieverbrauch typischer japanischer Gebäude immer noch unter dem Verbrauch mitteleuropäischer Häuser. Der Grund hierfür liegt im winterlichen Nutzerverhalten der Japaner. Sie heizen in diesen Monaten wenig und baden zum Ausgleich fast täglich in für Europäer viel zu warmem Wasser. Wie überall globalisiert sich jedoch auch in Japan das Nutzerverhalten. Der Kühlbedarf im Sommer steigt dramatisch, und besonders junge Japaner können im Frieren im Winter nichts kulturspezifisch Wertvolles mehr erkennen. Die aus diesen Änderungen resultierenden Feuchteschwankungen führen verstärkt zu Schimmel und gesundheitlichen Problemen, die häufig nur mit aktivem technischem Equipment und hohen laufenden Kosten gelöst werden. Hier setzt unser Projekt an und bietet eine auf Feuchtsorption basierende Wandkonstruktion als passive Lösung ohne laufenden Energieverbrauch an, die auch bei weiter steigendem Kühlbedarf im Sommer funktioniert und so zukunftsfähig ist. Aus wirtschaftlicher Sicht macht eine Zahl den Markt für die Schweiz interessant: In Japan werden jedes Jahr etwa 700.000 Holzhäuser gebaut. Dies entspricht etwa dem Zehnfachen des gesamten europäischen Marktes.
Gute Stimmung
In den letzten Jahren wurde in Zürich an der ETH, der Universität Tokyo und an der EMPA ein für feuchtwarmes Sommerklima geeignetes nachhaltiges Wandsystem entwickelt. Das Konzept soll nun zusammen mit japanischen Baufirmen in Japan verbreitet werden. Erste Testgebäude sind geplant. Hierzu müssen potentielle Partner aus der Bauindustrie vom Produkt und seinen Eigenschaften für einen geringeren Energieverbrauch und ein gesunderes Wohnklima überzeugt werden, obwohl diese meist wenig von Bauphysik verstehen. Die Zusammenarbeit läuft also auf gegenseitiges Vertrauen hinaus. Das persönliche Gespräch ist für Japaner sowieso unerlässlich. Geschäfte mit jemandem zu machen, den man nicht regelmässig persönlich trifft, ist für Japaner undenkbar. Noch wichtiger als ein gutes Produkt, ist die Atmosphäre und Harmonie (japanisch 和 Wa) in der Zusammenarbeit. Vereinfacht ausgedrückt: Kein Wa = kein gemeinsames Projekt, mögen die Daten auch noch so gut sein.
Mit Toleranz zum Projekterfolg
Nahezu das gesamte Schweizer Projektteam der ETH Zürich, der EMPA und der beteiligten Wirtschaftspartner hat ein oder mehrere Jahre in Japan gelebt. Auch die japanischen Partner aus Forschung und Wirtschaft waren meist mehrere Jahre im Ausland tätig. Dass wir Japan durch diesen Aufenthalt wirklich oder auch nur annähernd verstehen, würde keiner der Beteiligten jemals behaupten. Viel wichtiger ist die gewonnene Erkenntnis, dass sich Schwierigkeiten im internationalen Austausch zwingend ergeben müssen. Im besten Fall resultiert hieraus ein hohes Mass an Toleranz im Umgang, ohne das im Projekt kein Fortschritt zu erzielen wäre. Für Übersetzer und die Organisatoren beruhigende Begleiterscheinung sind die bei allen Beteiligten zumindest rudimentär vorhandenden Sprachkenntnisse. So geht niemand dauerhaft verloren im Schilderdschungel und den riesigen Metro-Stationen der Hochgeschwindigkeitszüge.
Keine Zeit für Kirschbäume
Die Zeichen stehen nach zwei Wochen Japanaufenthalt gut. Sowohl von politischer als auch von wirtschaftlicher Seite gibt es ein klar artikuliertes Interesse. Zeit für private Treffen mit Freunden aus der Zeit meiner Promotion in Japan hatte ich diesmal kaum. Trotz idealen Wetters muss ich gestehen, keinen einzigen blühenden Kirschbaum gesehen zu haben.
Nach der Rückkehr in die Schweiz werden die ersten Entwürfe für die Testgebäude überarbeitet und es müssen noch weitere Partner, auch aus der Schweizer Bauindustrie, gefunden werden. Spätestens im Juni sollen dann die Fundamente für das erste Gebäude gefertigt werden. Anscheinend haben wir Wa.
Zum Autor
York
Ostermeyer studierte Architektur mit konstruktivem Schwerpunkt an der
Universität Hannover. Anschliessend arbeitete er von 2003 bis 2005 als
Architekt bei Gabriel Architekten mit einem Fokus auf energieeffizienten
Gebäuden. Von 2005 bis 2007 war er im Rahmen seiner Promotion als Berater einer
ökologischen Siedlung in Kyoto tätig. Seit 2008 arbeitet er als PostDoc am
Lehrstuhl für Nachhaltiges Bauen im Institut für Baubetrieb und Baumanagement
an der ETH Zürich. Seit 2010 ist er Oberassistent und betreut unter anderem
Projekte zur Anpassung von nachhaltigen Gebäuden in verschiedenen Klimazonen
und Kulturen.
Nicht nur sein Beruf sondern auch sein Hobby - Ostermeyer betreibt seit vielen Jahren Kendo - sind Ausdruck seiner andauernden Faszination für Japan.
- 09.04.10: Globetrotter in Japan: Sprachkenntnisse?
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