Vorsicht Zukunft!
Der Think Tank W.I.R.E wagt mit der Publikation „Mind the Future“ einen Blick in die Zukunft. Dermassen kompakt, interdisziplinär und ansprechend illustriert hat dies noch niemand zuvor getan. ETH Life verlost drei Exemplare des ungewöhnlichen Kompendiums.
Wir leben in einer Wissensgesellschaft; Wissen wird über Erfolg und Misserfolg in der Wirtschaft entscheiden – eine Zukunftsprognose, so unspektakulär und vorhersehbar wie die seichten Seifenopern des Neujahr-Fernsehprogramms. Fügt man dieser banalen Erkenntnis jedoch an, dass heute in einer durchschnittlichen Ausgabe der New York Times mehr Information steckt, als einem Europäer im 17. Jahrhundert während seines ganzen Lebens zur Verfügung stand und das Internet zudem zu einer enormen Demokratisierung dieses Wissens geführt hat, so entsteht aus der flauen Nachricht plötzlich eine explosive Tendenz, welche die kommenden Jahrzehnte in einem neuen Licht erscheinen lässt. Was, wenn man nun noch die gesellschaftlichen Trends der «Entmaterialisierung» und zunehmenden Individualisierung dazudenkt? Und inwiefern wird das «Internet der Dinge», das den Menschen zukünftig mit seiner allgegenwärtigen Intelligenz unterstützen soll, diese Prozesse beschleunigen?
Ein themenübergreifendes Trend-Sammelsurium
Wer sich gerne mit solchen Fragen beschäftigt und mit Leidenschaft gegenwärtige Trends zu möglichen Zukunftsszenarien verdichtet, der findet im Buch «Mind the Future» eine Offenbarung. Darin analysieren die vier Autoren des Think Tanks W.I.R.E (siehe Kasten), zu denen auch der Leiter des Collegium Helveticums der Universität und der ETH Zürich, Gerd Folkers, gehört, Gegenwarttrends in den wichtigsten Einflussbereichen des heutigen Lebens. Das «Kompendium für Gegenwartstrends», wie das Buch im Untertitel heisst, fällt in mancherlei Hinsicht aus dem Rahmen. In acht einzelnen, kleinformatigen Heften, eingefasst in einer soliden Kartonhülle, wagt der Think Tank einen Ausblick auf Entwicklung in den kommenden fünf bis fünfzehn Jahren. Zu jedem der sieben gewählten Einflussbereiche werden auf zehn Seiten zehn Gegenwartstrends mit je einer Illustration, einem kurzen Text, drei bis fünf in die Zukunft weisenden Tendenzen und zwei Diagrammen in Kürzestform dargestellt. Im achten Heft wagen die Autoren zehn Thesen zu «übergreifenden Metatrends und ihren Gegenpolen», wie es in der Lesehilfe heisst. Ob bei der Lektüre nun das Heft «Technologie» vor der «Politik» zu lesen ist, die «Wirtschaft» der «Gesellschaft» vorzuziehen wäre, „Demografie“ und „Geschäftsmodelle“ vielleicht sogar gleichzeitig gelesen werden könnte oder doch «Ökologie & Ressourcen» das alles tragende erste Heft sein soll, bleibt dem Leser überlassen. Eine klare Reihenfolge, wie das Trend-Sammelsurium zu lesen ist, gibt es bewusst nicht – eine Art von Einbezug des Lesers, die Spass bereitet und gleichzeitig den disziplinübergreifenden Anspruch des Werkes unterstreicht. Für diejenigen, die sich vollkommen von der Buchform lösen wollen, gibt es das gesamte Werk auch als Karteikarten-Box – jede Karte ein Trend, frei nach eigenem Gutdünken kombinierbar.
«Geriatrisierung» und «Cyborgisierung»
Was man in dem Kompendium als Tendenzen für die kommenden 15 Jahre aufgetischt bekommt, ist nicht immer leichte Kost: Die Veränderung der Altersstruktur in westlichen Gesellschaften entwickelt sich allmählich zur wichtigsten demographischen Verschiebung seit der Pest. Wie die Altervorsorge unter diesen Umständen gesichert werden kann bleibt weiterhin unklar. Zur «Geriatrisierung der Gesellschaft» gesellt sich die Explosion der Gesundheitskosten, verursacht unter anderem durch Fehlernährung und einen ungesunden Lebensstil. Die Tendenz zur Individualisierung – 15,3 Millionen Deutsche leben schon heute alleine – fordert die gesellschaftliche Solidarität heraus. Gleichzeitig tritt der Wunsch nach Sicherheit in Konflikt mit der persönlichen Freiheit, das zunehmende politische Desinteresse höhlt die Demokratie aus und Gewinner und Verlierer des Klimawandels geraten sich in die Haare.
Einige Textpassagen in «Mind the Future» würden sich auch in einem Science Fiction-Roman gut machen. So zum Beispiel wenn im Band «Technologie» von einer zunehmenden «Cyborgisierung» des Menschen – zum Beispiel in Form von Neuroimplantaten – ausgegangen wird. Anerkannte Trendforscher sehen in der Verschmelzung von Computer und Körper den nächsten logischen Schritt der menschlichen Evolution. Ähnlich fiktiv tönt auch die Vorhersage, dass Robotern mit einem einfachen «Bewusstsein» einst Rechte und Pflichten zugesprochen werden sollen. Solche Neuerungen werden nicht von heute auf morgen geschehen, zuvor wird es sicher noch zu langwierigen ethischen Debatten kommen. Doch man denke nur an Jules Vernes Erzählungen zu Millionenstädten und Reisen zu fernen Gestirnen, die für seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert absurd klingen mussten. Was heute nach Science Fiction klingt, könnte durchaus einst zum Alltag werden.
Vier Viagra pro Sekunde
Zuweilen lädt das Werk auch zum Schmunzeln ein. Etwa wenn man erfährt, dass sich heute die Autos in der Innerstadt Londons noch mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 19 km/h bewegen – dem gleichen Tempo, das im 19. Jahrhundert mit Pferdekutschen erreicht wurde. Aufgeführt als Indiz eines zunehmend potenten «Gesundheitsmarktes», erfährt der Leser zudem, dass heute pro Sekunde weltweit vier Viagra-Pillen geschluckt werden. Überraschend auch, dass die Landwirtschaft durch das sogenannte urban farming bald in die Stadt einziehen soll. Auch weithin als positive Trends bewertete Entwicklungen fehlen im Kompendium nicht: So wird laut Weltbank-Berechnungen in Schwellenländern wie Brasilien, Indien und vor allem China in den nächsten 20 Jahren eine neue globale Mittelschicht entstehen und der Anteil an in Armut lebenden Menschen bis ins Jahr 2030 von 84 auf 60 Prozent zurückgehen. Der Anteil an erneuerbaren Energien soll laut Prognosen von Shell derweil kontinuierlich ansteigen; eine Entwicklung, die vor allem von Innovationstreibern wie NASA, Google, dem amerikanischen Militär und Unternehmern im Silicon Valley beschleunigt werden soll.
Kein Trend ohne Gegentrend
Die Zukunft ist und bleibt unvorhersehbar, darauf weisen die Autoren im Vorwort bewusst hin. Sie ziehen das Formulieren von möglichen Szenarien dem Vorgaukeln von auf Zahlen gestützten Sicherheiten vor. Im Heft «Thesen» werden die bedeutendsten Entwicklungen aus allen Einflussbereichen zu den zehn Metatrends fusioniert. Da praktisch jeder Trend auch einen Gegentrend provoziert, beschreiben die Autoren die Gegenpole jedes Metatrends gleich mit. Dies scheint sinnvoll, doch im Vergleich der vielen, im wahrsten Sinne des Wortes «weltbewegenden» Umwälzungen, die in den sieben thematischen Heften beschrieben werden, wirkt die Essenz daraus ein wenig flau; die Thesen wirken unterdimensioniert. Es fehlt an Brisanz, wenn die Autoren die zunehmende Vernetzung in Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft beschreiben, welche zu Ängsten und einer neuen Art von Protektionismus und Abgrenzung führen wird. Die letzte These unter dem Titel «Neudefinition von Fortschritt» scheint zudem bereits von der Gegenwart aufgeholt – der Fortschrittsglaube hat seit dem Beginn der Finanzkrise stark gelitten; der Ruf nach alternativen Ideologien wird immer lauter.
Trotzdem, für all jene, die sich gerne ein Bild davon machen, in welche Zukunft die Diagrammkurven von Weltbank, Mc Kinsey, UNO, OECD und vielen anderen Organisationen weisen, der findet in «Mind the Future» eine enorm kompakte Sammlung an relevanten Daten und daraus hervorgehenden Tendenzen zu den dominierenden Einflussbereichen der Gegenwart. Zudem lädt die beiliegende Liste, die sämtliche Quellenangaben zu den aufgeführten Trends und genutzten Diagrammen enthält, zum weitergehenden spezifischen Stöbern in einzelnen Studien ein. Eine elegante Lösung der Autoren, um die kleinformatigen Seiten nicht mit platzraubenden Quellenangaben verschandeln zu müssen. Das ansprechende Design der Publikation und die treffenden Illustrationen von Manu Burghart, machen ein Blättern im Werk auch für zahlen- und diagrammscheue Zeitgenossen lohnenswert. Und falls jemand im neuen Jahr trotz allem keine Zeit für die Lektüre des Kompendiums finden sollte – der dunkelblaue Buchrücken mit der knallig-neongelben Aufschrift macht sich auch als Auffrischung eines verstaubten, mit dicken Wälzern gefüllten Bücherregals sehr gut.
Mind the Future
Von Stephan Sigrist, Burkhard Varnholt, Simone Achermann und Gerd Folkers. 216 Seiten, 70 Illustrationen von Manu Burghart, 150 Grafiken, Tabellen. Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2008. ISBN 978-3-03823-476-0
W.I.R.E
W.I.R.E. (Web for Interdisciplinary Research and Expertise) ist ein unabhängiger durch das Collegium Helveticum und die Bank Sarasin getragener Think Tank, der sich mit globalen Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Lifesciences auseinandersetzt. Im Fokus steht die Analyse neuer Märkte, Technologien, gesellschaftlicher Trends und Geschäftsmodelle. W.I.R.E wurde im September 2008 gegründet; „Mind the Future“ ist die erste Publikation des Think Tanks.
Verlosung
ETH
Life verlost drei Exemplare von «Mind the Future» für die richtige Beantwortung
der folgenden Frage:
Welcher britische
Altersforscher machte sich an der Gründungsfeier von W.I.R.E. zusammen mit
anderen Rednern auf die Suche nach Antworten, die den Think Tank beschäftigen?
Antwort bitte per
E-Mail mit dem Betreff «Think Tank» bis am 12. Januar 2009 an redaktion@ethlife.ethz.ch senden.
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