Unter der glänzenden Polytur
Wenn ich sein Denkmal im ETH-Hauptbau passiere, ruft er mir jeweils seine Meinung zur Welt hinterher – so bilde ich es mir wenigstens ein. Gottfried Semper, der erste ans eidgenössische Polytechnikum gewählte Professor, war zuvor republikanischer Revolutionär und musste 1849 vor den sächsischen Königstruppen aus Dresden fliehen. Der damals steckbrieflich gesuchte «Demokrat 1. Klasse» und «Haupträdelsführer» nahm kein Blatt vor den Mund und war gewiss kein Schönredner, sondern provozierte stets Widerspruch.
Ein Umstürzler wurde somit an die junge ETH berufen – ein Revoluzzer, der vehement an der Politur eines Königshauses kratzte! Semper lebte beispielhaft vor, was heute immer noch gilt: Schönreden ist eine Todsünde, besonders für die Hochschule. Die Fakten beschönigen, herunterspielen oder gar verschleiern, das dient schwerlich der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung – im Gegenteil.
Im besten Licht ohne Schatten
Gleichwohl läuft unsere schnelllebige Zeit tendenziell in Richtung Schönfärberei und Verwedelung. Selbst professionelle Kommunikation neigt dazu, ich schliesse mich da keineswegs aus. Die ETH Zürich soll letztlich bei ihren Stakeholdern (welch ein Unwort) im allerbesten Licht erscheinen, ohne jeglichen Schatten – entgegen den physikalischen Gesetzen. Eine glatte Sache! So wollen es anscheinend die Steuerzahler und mutmasslich die Politiker, Wirtschaftsvertreter und Donatoren.
Doch Wissenschaft kennt keine absolute Wahrheit; neue Erkenntnisse gewinnt man nicht ohne schmerzliche Widersprüche. Der Wissensstrom wird zwar immer breiter und fliesst unablässig weiter. An seinen Gestaden sind aber Irrwege unumgänglich und Rückschläge programmiert. Von solch ernüchternden und zugleich erhellenden Phasen hört man wenig bis nichts. Die öffentliche Kommunikation von Wissenschaft – zumindest seitens der Hochschulen – wartet mit einem Bombardement von Erfolgsmeldungen auf, von allesamt polierten Mosaiksteinchen auf dem Weg zur Gelehrtheit. Selbst bei kundigem Zusammenfügen der Wissenspartikel aus Physik, Chemie, Biologie und Mathematik lässt sich meistens kein wirklichkeitsnahes Gesamtbild erkennen, das auch Platz für das Scheitern bietet.
Goldene Eulen und unbedarfte Krähen
Angesagt ist Glanz und Politur. Ohne Zweifel, die ETH ist allgemein eine exzellente Hochschule für Forschung und Lehre. Doch unter dem Lack gäbe es sicherlich ebenso Lehrreiches zu erfahren wie an der glatten Oberfläche. Vielleicht würden da in Hörsälen ausser Goldenen Eulen noch etliche didaktisch unbedarfte Krähen dozieren. Oder die viel beschworene Interdisziplinarität erwiese sich in einigen Forschungsprojekten als eher zugeknöpftes Wesen. Und apropos menschliche Sozialkompetenz: Auch unser Genie könnte morgens mal grüssen, liesse sich vielleicht eine Arbeitsgruppe am Pausentisch vernehmen. Wenn wir schon den akademischen Glamour abstreifen, wäre da noch Folgendes … pssst! Schönreden ist zwar todsündig, aber schwarzmalen für uns Moralisten doch zu miesepetrig.
Noch sind vier Todsünden an der ETH zu
entlarven; in der nächsten Kolumne schauen wir ohne jegliche Scheuklappen auf
die Tunnelblicker. Bis dahin, gute
Sicht!
Zum Autor
Einst studierte er an der ETH Bauingenieur, 35 Jahre später kehrte er an seine Ausbildungsstätte zurück: Beat Gerber, 59, ist seit Oktober 2007 persönlicher Referent des ETH-Präsidenten für Öffentlichkeitsbelange. Dazwischen liegen langjährige Tätigkeiten als Ingenieur und Wissenschaftsjournalist. 1973 schloss er sein Studium mit einer Diplomarbeit über Wasserwirtschaft ab und arbeitete danach in Planung, Beratung und Projektleitung bei verschiedenen Ingenieurfirmen. Ab 1988 begann er als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen zu arbeiten. 1993 stiess er zur Wissenschaftsredaktion des „Tages-Anzeiger“. Zuletzt war Gerber fast sechs Jahre Kommunikations- verantwortlicher des Paul Scherrer Instituts in Villigen. Als Ausgleich zur Wissenschaft schreibt er Gastro- und Weinkritiken – und ist ein Frankreich-Fan. Im Süden des Landes besitzt der gebürtige Berner ein Maison und liest mit grosser Begeisterung die bissige französische Satirezeitschrift „Le Canard enchaîné“.

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