Bildungsoffensive für Bits und Bytes
An der ETH Zürich fand gestern eine Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunft der Informatik“ statt. Im Zentrum standen die Fragen, wie sich die Bologna-Studienreform auf die Industrie auswirkt und welchen Stellenwert die Technikbildung an den Mittelschulen einnehmen soll. An der Diskussion nahmen über ein Dutzend Fachleute aus Bildung, Wirtschaft und Politik teil, die alle eine gemeinsame These vertraten: Im gesamten Bildungswesen muss der Stellenwert der Informatik erhöht werden.
Die Informatik sei „die Physik des 21. Jahrhunderts“, lautete an der gestrigen Podiumsdiskussion ein mehrfach geäussertes Votum. Doch obwohl die Informatik in Gesellschaft und Wirtschaft in vielen Bereichen eine zentrale Rolle spiele, werde ihre Bedeutung noch zu wenig anerkannt, vor allem im Bildungswesen. Das stelle ein eigentliches Paradox dar, meinte der Zürcher Informatiker Hans-Peter Frei in seinem Impulsreferat: „Alle sprechen von Informatikermangel, dabei ist der Bedarf an Fachkräften seit längerer Zeit enorm.“ Allein die Banken und die Grossunternehmen der Schweiz würden jährlich 7,5 Milliarden Franken für Informatiktechnologie und -dienste ausgeben. Trotzdem liessen sich gut ausgebildete Fachkräfte nur schwierig finden und müssten zu einem guten Teil aus dem Ausland geholt werden.
Studienfinanzierung und Zulassungsbegrenzungen
Das Podium diskutierte zunächst die Frage, ob die Bologna-Reform den Eintritt der Studierenden ins Berufsleben positiv oder negativ beeinflusse. Eindeutige Antworten blieben dabei aus; die Erfahrungen seien noch zu wenig umfangreich, um bereits verbindliche Schlussfolgerungen zu ziehen. In seinem Statement merkte Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär Bildung und Forschung, an, es sei grundsätzlich positiv, dass sich die Schweizer Hochschullandschaft mit der Bologna-Reform den europäischen Standards angenähert habe. Damit sei die Reform aber nicht für alle Zeiten festgeschrieben, Nachbesserungen seien durchaus möglich. So müsse etwa das System der Studiengebühren laufend überprüft werden. Bisher habe die Maxime gegolten, dass für die Ausbildung die Allgemeinheit zuständig sei, für die Weiterbildung aber der Einzelne selbst. „Wenn wir nun vom lebenslangen Lernen reden, dann funktioniert dieses System nicht mehr“, meinte Mauro Dell’Ambrogio.
Damit war auch die Frage angetönt, ob es sinnvoll sei, möglichst viele Bachelor-Studenten zu einem Master zu verhelfen, oder ob umgekehrt das Bachelor-Studium bereits zur Berufsausübung befähigen sollte. Auch hier blieb das Podium eine eindeutige Antwort schuldig; in der Tendenz plädierten die Teilnehmer jedoch dafür, dass nur die Besten einen akademischen Weg einschlagen sollten. Die Fachhochschulen zum Beispiel würden nur erfolgreiche Studierende fördern; „wir haben für den Master eine Zulassungsbeschränkung“, sagte Dominik Gruntz von der Hochschule für Technik FHNW. Künftig müssten sich die Schweizer Hochschulen vermehrt Gedanken machen über begrenzte Zulassungen und private Finanzierungsmodelle, so wie es in den USA längst der Fall sei.
Die Krise der „Mint“-Fächer
Neben Mängeln in der Hochschulbildung ortete das Podium auch Probleme auf der Stufe der Mittelschulen. In ihrem Referat sprach Elsbeth Stern, Professorin am Institut für Verhaltenswissenschaften der ETH Zürich, von generellen Defiziten bei den „Mint“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Für diese seien in den Lehrplänen zu wenig Stunden vorgesehen, zudem sei die Ausbildung der Lehrkräfte mangelhaft. Stern schätzt, dass „rund 50 Prozent der Lehrpersonen die ‚Mint‘-Fächer fachfremd unterrichten“.
Mit dem Vermitteln von technischem Wissen müsse möglichst früh begonnen werden, idealerweise bereits im Kindergarten, meinte die Expertin. Denn das menschliche Gehirn lerne dann am besten, wenn es auf Vorwissen aufbauen könne. Zentral sei auch, das Wissen altersgerecht zu vermitteln; es nütze nichts, Primarschüler mit Begriffen zu bombardieren, die sie nicht verstehen könnten. Auf Stufe Mittelschule aber sei es wichtig, den technischen Fächern wie der Informatik ein klareres Profil zu verleihen. „An vielen Gymnasien herrscht das Motto: ‚Jede Stunde ist auch eine Deutschstunde‘. In Zukunft müsste es heissen: ‚Jede Stunde ist auch eine Informatikstunde‘“, meinte Stern. Denn die Fertigkeiten, die in der Informatik gelernt würden, liessen sich auf viele andere Fächer übertragen, im Unterschied etwa zum Latein, dass kein Transferpotential enthalte.
Informatik als Maturitätsfach
Allmählich versuchen die Bildungsverantwortlichen, die Rolle der Informatik in den Mittelschulen zu stärken. Kürzlich hat der Bund die Informatik als Ergänzungsfach wieder ins Angebot der Maturitätsfächer aufgenommen, nachdem das Fach 1995 aus dem Stundenplan gestrichen wurde. „Die Mittelschulen sind sehr sprachlastig orientiert“, sagte Nationalrätin Kathy Riklin, „die Informatikinhalte kommen zu kurz.“ Wünschbar wäre, so die einhellige Meinung des Podiums, die Informatik nicht nur als Ergänzungsfach zu führen, sondern als reguläres Fach, wofür auch die Lehrkräfte besser geschult werden müssten.
Das Podium
Das Departement für Informatik der ETH Zürich organisierte gestern im Rahmen der „Informatica08“ ein Podium mit dem Ziel, dem Informatikermangel auf die Spur zu kommen und mögliche Gegenstrategien zu erörtern. Im ersten Teil debattierten Vertreter aus Bildung, Politik und Wirtschaft das Zusammenspiel zwischen der Bologna-Studienreform und den Bedürfnissen der Industrie; im zweiten Teil kam die Frage zur Sprache, wie die Mittelschulen das Interesse an der Technik fördern könnten. Am Podium nahmen folgende Fachleute teil: Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung und Forschung beim Eidgenössischen Departement des Innern EDI; Rudolf Minsch von Economiesuisse; Xavier Comtesse von Avenir Suisse; Douglas Dykemann von IBM Schweiz; Martin Vetterli von der Ecole Polytécnique EPFL Lausanne; Dominik Gruntz von der Hochschule für Technik FHNW; Erich Gebhardt, Direktor des Microsoft Developer Centers Zürich; Hans Rudolf Heinimann, Prorektor der ETH Zürich; Heinz Rhyn von der Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren EDK, Kathy Riklin, Nationalrätin; Martin Lehmann vom Schweizerischen Verein für Informatik in der Ausbildung SVIA; Jürg Kohlas von der Hasler Stiftung. Als Moderator wirkte Gerd Folkers, Professor für Pharmazeutische Wissenschaften an der ETH Zürich.
LESERKOMMENTARE