Wandern wider den Klimawandel
Der ETH-Student Claudio Beretta begleitete den Umweltarzt Martin Vosseler auf den letzten 400 Kilometern seines „SUNwalk 2008“. So setzten sie in den USA ein Zeichen gegen Klimawandel und für erneuerbare Energien.
Claudio Berettas blaue Augen leuchten etwas heller, wenn er von seinem Abenteuer erzählt: „Ich habe so viele schöne Begegnungen und Augenblicke erlebt, ich weiss gar nicht, wo ich mit Erzählen beginnen soll.“
Vor wenigen Tagen ist Claudio von Boston wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Er studiert im vierten Jahr Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und nutzte ein Zwischenjahr für ein Praktikum und um Martin Vosseler auf dessen „SUNwalk 2008“ zu begleiten. Der Arzt Vosseler setzte sich unter anderem als Initiator des Forums für erneuerbare Energien „Sun21“ und durch die erste Atlantiküberquerung mit einem solarbetriebenen Katamaran stark für die Umwelt ein. Sein neustes Projekt: Eine 5600 Kilometer lange Wanderung quer durch die USA von Los Angeles nach Boston mit der Botschaft, die Menschen entlang des Wegs für die Energieproblematik und die Herausforderungen des Klimawandels zu sensibilisieren.
Effizient per pedes
In
Newark, unweit von New York, stiess Claudio zu Vosseler. Nach einem zehntägigen
Aufenthalt und zwei Vorträgen im „Big Apple“ nahmen die beiden das Schlussstück
nach Boston in Angriff. In zehn Tagen legten sie die rund 400 Kilometer zurück.
„Wir marschierten im Durchschnitt acht bis zehn Stunden, maximal erreichten wir
53 Kilometer an einem Tag. Es ist erstaunlich, wie gut man zu Fuss
vorankommt!“, erinnert sich Claudio. Die Strecke beschreibt er als eben, teils
von eindrücklichen Wäldern gesäumt, über weite Abschnitte aber auch durch dichte
Agglomerationen führend.
Mit dem Lärm und den Abgasen entlang stark befahrener Streckenabschnitte konnte sich Claudio mit der Zeit arrangieren: „Ich habe während des Marsches gelernt, selektiv wahrzunehmen und mich auf die schönen Aspekte des Weges zu konzentrieren. Ein kurzer Regenschauer und die anschliessende Frische im noch tropfenden, bereits sonnendurchfluteten Wald kompensieren viele verkehrsreiche Abschnitte.“ Übernachtet haben die beiden Öko-Pilger bei Freunden entlang des Weges und in kleinen Pensionen.
Abstecher ins Fernsehstudio
Was den 23-jährigen Umweltnaturwissenschaftler am meisten faszinierte, waren die Begegnungen mit den Menschen vor Ort: „Immer wieder hielten entlang unseres Weges Autos an und die Menschen erkundigten sich nach Martins Projekt. Viele boten uns spontan Hilfe an, unterstützten uns mit ein paar Dollars oder Essen und deckten uns mit guten Wünschen ein.“ In Wellesley hielt gar eine Fernsehjournalistin auf ihrem Heimweg an und packte die Chance, die beiden Schweizer in ihrem nahe gelegenen Studio zu interviewen. „Das Interesse an unserer Motivation war sehr gross und die Energiethematik ist in den Vereinigten Staaten - besonders wegen der hohen Erdölpreise - viel aktueller als ich vor der Abreise gedacht hatte“, resümiert Claudio.
Er ist überzeugt, dass gerade die nicht belehrende Art von Vosselers Initiative viele Amerikaner zum Denken angeregt hat. „Wer in den Vereinigten Staaten zu Fuss unterwegs ist, fällt automatisch auf. Daraus ergeben sich die besten Möglichkeiten, um mit Menschen ins Gespräch über Nachhaltigkeit und die Herausforderungen des Klimawandels zu kommen“, sagt Claudio.
Enormes Sparpotenzial in den USA
Fehlendes
Umweltbewusstsein und Energieverschwendung konnte Claudio während seines
USA-Aufenthalts zur Genüge beobachten. Oft sind die Bauten nicht isoliert,
werden aber trotzdem ganztätig gekühlt. Auch
habe er gestaunt, dass sich die nationale Eisenbahn auf ihrer Website mit
einer 20 Prozent besseren CO2-Bilanz im Vergleich zum Flugzeug
brüstete. „Der öffentliche Verkehr liegt im Vergleich zu Europa um Jahrzehnte
zurück. In den Vereinigten Staaten liegt noch ein enormes Potenzial zum
Energiesparen“, ist Claudio überzeugt.
Viele Amerikaner hätten aber noch nicht erkannt, dass Energiesparen nicht nur Mühsal, sondern auch eine Chance sein kann. Ausreichende Informationen, politische Anreize und Wahlmöglichkeit für den Konsumenten sind für ihn die Schlüsselkriterien für einen Wandel in den USA. „Viele Amerikaner konnten sich schlicht nicht vorstellen, dass man freiwillig auf sein Auto verzichtet und zu Fuss durch ganz Amerika reist. Als sie dann auch noch merkten, welches Glück wir dabei empfanden und vor lauter Erlebnissen fast überkochten, setzte bei vielen ein Denkprozess ein.“
Gespräch ist Pflicht
Nach diesem Erlebnis könnte sich Claudio mittlerweile vorstellen, nach dem Studium selber einen entsprechenden Trip zu planen. Die Lust auf ein persönliches Abenteuer und der Drang zum Vermitteln und Vorleben eines nachhaltigen Lebensstils halten sich dabei die Waage. Er ist jedoch überzeugt, dass das Gespräch mit der Öffentlichkeit besonders für Umweltnaturwissenschaftler in der heutigen Zeit Pflicht ist – „oft sind dafür unkonventionelle Methoden wesentlich effektiver als das Beschreiten bereits abgetretener Pfade.“
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