Veröffentlicht: 01.09.08
Tag der Informatik 08

Grosser Andrang am Informatik-Tag

Rund 10'000 Besucherinnen und Besucher packten am Freitag die Gelegenheit beim Schopf, um sich am Tag der Informatik ein Bild von der Vielfalt der Branche und dieses Fachs zu bilden. Und sie wurden nicht enttäuscht.

Peter Rüegg
Google-Chef Urs Hölzle ermuntert am ''Tag der Informatik'' die Jugendlichen, sich ernsthaft mit Informatik zu befassen.
Google-Chef Urs Hölzle ermuntert am ''Tag der Informatik'' die Jugendlichen, sich ernsthaft mit Informatik zu befassen. (Galerie)

Alle waren da: Schülerinnen und Schüler fast jeglichen Alters, Lehrlinge, Eltern mit ihren Sprösslingen auf der Suche nach geeigneten Arbeitgebern, Forscherinnen und Forscher, Firmenleiter und Unternehmensgründer, Politiker, Politikerinnen, IT-Fachmenschen und ja, es gibt sie noch, die Nerds mit Brille und Schlabber-Shirt, bleichen Gesichtern, Bart und Rossschwanz.

Schauen und staunen

Sie alle kamen zum Tag der Informatik im Technopark, der den Höhepunkt des Jahrs der Informatik, der „informatica08“, darstellte. Und sie kamen in Scharen, die Organisatoren sprachen in einer Medienmitteilung von über 10'000 Besucherinnen und Besuchern, darunter 2000 Schülerinnen und Schüler aus gegen 100 Klassen. Sie belebten den Platz, die Zelte und das Technoparkgebäude. Wuselten von Stand zu Stand, spielten, programmierten, staunten über alle die Dinge, die Informatik möglich macht oder beinhaltet.

Forscherinnen und Forscher der ETH, der Uni Zürich und von Fachhochschulen führten neue Gadgets, ernsthafte Anwendungen und von Studierenden programmierte Games vor. Banken, Versicherungen präsentierten sich und warben um die Nachwuchskräfte für ihre IT-Bereiche. Da waren die Grossen der Branche, wie Microsoft, Google, und die (noch) Kleinen, etwa der ETH-Spin-Off Libero Vision. Dazu gab es unzählige Vorträge, Workshops und Präsentationen - viel mehr, als zwei Augen sehen und zwei Ohren hören konnten.

Falsches Bild korrigieren

Die Öffentlichkeit habe noch immer ein falsches Bild von den Informatikern, sagte Keynote Speaker Anton Gunziger, ETH-Professor für Informatik in seiner Eröffnungsrede. Keine introvertierten Technikfreaks und Bastler seien gefragt, sondern Leute mit sozialen und kommunikativen Qualitäten, damit die Informatik konsequent in den Dienst der Gesellschaft gestellt werde und das Leben der Menschen erleichtere und bereichere, erklärte Gunzinger.

Mit praktischen Beispielen zeigte er auf: IT braucht man, um mehr Züge fahren zu lassen, um 100'000 Stunden Fernsehbeiträge des Schweizer Fernsehens zu archivieren oder Autos sicherer zu machen. „Die Informatik ist ein Mittel zum Zweck“, sagte er. Die Architekten seien dabei nicht immer sichtbar, sondern nur die Fassade. Eine gute, Anwender orientierte Oberfläche zu programmieren, sei jedoch eine hohe Kunst. Ein Informatiker brauche gute Fachkenntnisse und Integrität. Man müsse nicht nur mit Maschinen kommunizieren sondern auch mit Menschen. „Die Informatik sei deshalb ein guter Ort, um sich als Mensch weiterzuentwickeln“, schloss Gunzinger seinen Appell.

Hohe Nachfrage, geringes Angebot

Blickte man in das grosse Zelt vor dem Technopark-Gebäude, auf den Platz davor und auch in die Wandelhallen des Technoparks, erschien es einem, als hätte Gunzinger Wasser in den Rhein getragen. Es wimmelte von Menschen. Und fast hätte man glauben können, das Problem, dass es in der Schweiz zu wenig Informatiker und Informatikerinnen gebe, sei gar keines.

Dem widersprach Urs Hölzle, CEO von Google Schweiz und ETH-Absolvent. „Alle haben Nachwuchsprobleme“, sagte er gegenüber ETH Life. Die Nachfrage nach Hochschulabsolventen übersteige das Angebot. „Die Berufsaussichten in der Informatik sind gut“, sagt er. Google, derzeit mit rund 400 Mitarbeitenden am Sitz Zürich, bemühe sich, mehr ETH-Absolventen anzustellen, könne aber nicht genug Leute finden.

Positive Bilanz

Für den Mangel an Fachkräften sah Carl August Zehnder, emeritierter ETH-Professor für Informatik und Mitglied des Patronatskomitees der "informatica08" verschiedene Gründe: Zu wenig Informatik an Gymnasien und eine zu enge Auffassung des Begriffs Informatik, der den Schülern ein falsches Bild vermittle, das Platzen der Dotcom-Blase oder Zeitungsmeldungen über die Auslagerung von IT-Leistungen nach Indien. Diese Kombination wirke sich negativ aus.

Ob da ein "Jahr der Informatik" reicht, um potenzielle Studierende zu erreichen? Zehnders Bilanz war am Freitag noch zwiespältig. Die Internen, also die Leute der Branche, habe man mit dem Jahr der Informatik gut erreicht, die Öffentlickeit hingegen eher schlechter als erwartet. Dennoch: "Der Tag der Informatik ist der Kulminationspunkt", freute er sich. Ob sich "informatica08" positiv auf die Entwicklung der Studierendenzahlen an der ETH auswirkt, bleibe abzuwarten und sei zum jetzigen Zeitpunkt unklar. "Frühere Erfahrungen zeigen, dass wir mit Öffentlichkeitsarbeit viel korrigieren konnten", sagte der emeritierte ETH-Informatikprofessor.

Namhaftes Komitée fördert Informatik

Das "Jahr der Informatik – informatica08" ist ein Projekt zur Förderung der Informatik in der Schweiz. Mit nationalen Grossveranstaltungen, regionalen Events sowie Medien- und Informationskampagnen soll der Öffentlichkeit die zentrale Bedeutung der Informatik für die künftige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft bewusst gemacht werden. Gleichzeitig soll das Interesse der Jugendlichen, namentlich auch der jungen Frauen, an der Informatik als spannende Wissenschaft und attraktives Berufsfeld geweckt werden. Im Patronatskomitee informatica08 engagieren sich Persönlichkeiten wie Bundesrätin Doris Leuthard, Ständerätin Christiane Langenberger, die Nationalräte Gerold Bührer und Mario Fehr, EDK-Präsidentin Isabelle Chassot sowie die Professoren Patrick Aebischer, Niklaus Wirth und Carl August Zehnder. Das "Jahr der Informatik – informatica08" wird von sieben Hauptsponsoren getragen. Dazu gehören die Hasler Stiftung und ECDL (European Computer Driving Licence) sowie die Firmen Avaloq, Credit Suisse, Google, Migros und Zurich. Initianten sind der Dachverband der Schweizer Informatik- und Telecomorganisationen ICTswitzerland und seine Mitgliederorganisationen zusammen mit dem Schweizerischen Wirtschaftsverband der Informations-, Kommunikations- und Organisationstechnik (SWICO) und der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW).

 
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