Veröffentlicht: 19.08.08
Klimaforschung

Wissenschaft ohne Einfluss auf Klimapolitik

Haben wissenschaftliche Resultate einen Einfluss auf politische Entscheide bei internationalen Klimaverhandlungen? Die Umweltnaturwissenschaftlerin Michèle Bättig ging dieser Frage in ihrer Doktorarbeit nach und erstellte dafür unter anderem einen Kooperationsindex für 198 Staaten.

Samuel Schläfli
Der Kooperationsindex zeigt wie kooperativ sich Staaten an internationalen Klimaverhandlungen verhalten. Rot entspricht ''am wenigsten kooperativ'', Dunkelblau ''am kooperativsten''. (Grafik: M. Bättig)
Der Kooperationsindex zeigt wie kooperativ sich Staaten an internationalen Klimaverhandlungen verhalten. Rot entspricht ''am wenigsten kooperativ'', Dunkelblau ''am kooperativsten''. (Grafik: M. Bättig) (Galerie)

Einige können sich vielleicht noch an Michèle Bättigs Klimaänderungsindex (CCI) erinnern: Die im Januar 2007 publizierte Grafik stellte den Index in Form einer Weltkarte dar. Unterschiedliche Farben verdeutlichten, welche Länder zwischen 2071 bis 2100 am stärksten vom Klimawandel betroffen sein werden (vgl. ETH Life Bericht vom 19.1.07). Der CCI ging um die Welt: Internationale Zeitschriften druckten die einprägsame Grafik ab, Wissenschaftler diskutierten die Ergebnisse und staatliche sowie nichtstaatliche Organisationen waren froh um ein Mittel, das die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels fassbar macht.

Der CCI entstand im Rahmen von Bättigs dreijähriger Doktorarbeit bei Dieter Imboden an der Professur für Umweltphysik der ETH Zürich. In der Oktoberausgabe des Magazins „Environmental Science and Policy“ publiziert Bättig nun einen weiteren Index, den sie als Teil ihrer Dissertation erarbeitet hat. Der Kooperationsindex soll wiederum auf einprägsame Weise zeigen, wie kooperativ sich Staaten an internationalen Klimaverhandlungen verhalten.

Europäische Länder am kooperativsten

Der Kooperationsindex ist auf fünf Indikatoren abgestützt: Zwei Indikatoren zeigen, wie schnell sich Länder zur Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) von 1992 sowie zum Kyoto-Protokoll von 1997 verpflichteten. Drei weitere Indikatoren quantifizieren, ob und wie effizient Massnahmen im Sinne der beiden unterzeichneten Abkommen von den Staaten umgesetzt wurden. Die dabei untersuchten Instrumente betreffen die Berichterstattung über eigene Tätigkeiten an die Vereinten Nationen, die geleisteten finanziellen Beiträge sowie die Entwicklung der CO2-Emissionen eines Landes im Vergleich zu dessen wirtschaftlicher Entwicklung.

Der letztgenannte Emissionsindikator (siehe Kasten) wurde im Vergleich zu den übrigen Indikatoren doppelt berücksichtigt, da er besser als alle anderen die Bemühungen eines Landes gegen den Klimawandel spiegelt. Die fünf Teilindikatoren wurden anschliessend zu einem Index zusammengefasst, dessen Werte wiederum auf einer Weltkarte dargestellt werden können.

Kooperative Schweiz

Für die wichtigsten Verhandlungspartner in der internationalen Klimadebatte ergibt sich für den Zeitraum zwischen 1990 und 2005 folgendes Bild: Die USA (2.53) und Australien (2.54) weisen tiefe Indexwerte auf, was einer niedrigen Kooperationsbereitschaft entspricht. Russland (3.45), Kanada (3.52), Brasilien (3.54), Indien (3.81), China (3.82) und Südafrika (4.07) bilden das Mittelfeld und die grossen europäischen Staaten stehen an der Spitze des Indexes (4.2-4.4). Die Schweiz kam bei den Berechnungen Bättigs auf einen Wert von 4.77.

Für jeden der fünf Indikatoren gibt es auch einen eigenständigen Index. Betrachtet man diese Indizes ein wenig genauer, so fällt auf, dass einzelne Staaten zum Teil widersprüchliche Tendenzen aufweisen. So sind die USA und Australien bei der finanziellen Unterstützung von UNO-Organisationen, die sich an Klimaverhandlungen beteiligen, zwar führend, an den übrigen Indikatoren ist jedoch ein verhältnismässig geringes Interesse für die Klimaproblematik abzulesen. Beide Länder haben das Kyoto-Protokoll bis heute nicht ratifiziert. Beim doppelt gewichteten Emissionsindikator zeigt sich zudem, dass Entwicklungsländer eine unterdurchschnittliche Entwicklung der Pro Kopf-Emission von CO2 im Vergleich zu ihrem Wirtschaftswachstum zeigen, während dieser Wert vor allem in Schwellen- und Industriestaaten hoch ist.

Kein direkter Zusammenhang der beiden Indizes

Mit ihrer Dissertation ging Bättig der Frage nach, inwiefern wissenschaftliche Resultate aus der Klimaforschung politische Entscheide von Staaten an internationalen Klimaverhandlungen beeinflussen. Ihre anfängliche These: Je stärker ein Land vom Klimawandel betroffen ist, desto grösser ist auch dessen Anreiz, sich an internationalen Massnahmen gegen den Klimawandel zu beteiligen. Deshalb analysierte Bättig im dritten Teil ihrer Dissertation, wie die beiden Indizes zueinander in Beziehung stehen. „Gemäss meinen Analysen kann nur ein kleiner Teil des Kooperationsverhaltens der Länder mit der Betroffenheit durch den Klimawandel erklärt werden. Andere Faktoren sind für die Erklärung von politischen Entscheiden viel bedeutender“, sagt Bättig.

Durch Interviews mit rund 50 Entscheidungsträgern an internationalen Klimakonferenzen verglich Bättig ihre theoretischen Ergebnisse mit Erfahrungen aus der Praxis. Dabei bestätigten ihr viele Gesprächspartner, dass die jeweilige politische Agenda eines Staates, Abmachungen untereinander und wirtschaftliche Faktoren für das politisch-strategische Verhalten an den Verhandlungen selbst wichtiger sind als wissenschaftliche Erkenntnisse.

Bush-Effekt auf Kooperationsindex

Trotzdem sei aber eine breite Kommunikation von Forschungsergebnissen wichtig, damit ein Veränderungsprozess überhaupt in Gang kommt und das Bewusstsein für eine Problematik entsteht, ist Bättig überzeugt: „Wären in den Neunzigerjahren nicht wissenschaftliche Studien zur Klimaerwärmung publiziert worden, wäre wahrscheinlich nie ein internationales Abkommen wie die Klimarahmenkonvention von 1992 entstanden. Kommt dazu, dass die Aussagen zum Klimawandel spätestens seit dem vierten IPCC-Bericht von 2007 auf einem dermassen grossen Konsens zwischen Wissenschaftlern beruhen, dass es sich kein halbwegs verantwortungsvoller Politiker mehr leisten kann, die Klimaänderung öffentlich anzuzweifeln.“

Gleichzeitig war die Forscherin während ihrer Dissertationsarbeit überrascht, wie stark die klimapolitischen Verhandlungen tatsächlich von einzelnen Akteuren und deren Interessen bestimmt werden. „Wäre im Jahr 2000 nicht George Bush, sondern Al Gore als Präsident der USA gewählt worden, so sähe der Kooperationsindex für die USA heute wohl bedeutend anders aus“.

Der Emissionsindikator

Die für den doppelt bewerteten Emissionsindikator benutzten Rechnungsmodelle räumen wirtschaftlich schwachen Staaten eine stärkere Zunahme der pro Kopf CO2-Emissionen ein als Industrienationen. Als Benchmark für den Emissionsindikator galt die Umwelt-Kuznets-Kurve von 13 europäischen Staaten im Zeitraum zwischen 1870 und 2002: Während die pro Kopf CO2-Emissionen sowie das Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt (BIP) in Europa bis Ende des 20. Jahrhunderts stetig zunahmen, sind die Emissionswerte heute rückläufig, während das Pro-Kopf-BIP weiter ansteigt. Dieser Zusammenhang in Form einer umgekehrten U-Kurve (Umwelt-Kuznets-Kurve) zeigt, dass erst ab einem bestimmten Grad an wirtschaftlicher Entwicklung ein Wirtschaftswachstum und die Reduktion des Pro-Kopf-CO2-Ausstosses vereinbar sind.

Literaturhinweis

Baettig MB, Brander S, Imboden DM. Measuring countries’ cooperation within the international climate change regime. Environmental Science and Policy 11, 2008, 478-489. doi: 10.1016/j.envsci.2008.04.003

 
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