Veröffentlicht: 26.05.08
Spin-off

Die Welt zu Gast bei Reiseführern

Rechtzeitig zum Start der Euro 08 lancieren sechs ETH-Jungunternehmer ein neues Angebot für Touristen: Über die Plattform „GetYourGuide“ können Ortsfremde per Mausklick Einheimische buchen, die ihnen Stadt und Land zeigen.

Conny Schmid
GetYourGuide-Gründerväter: Tobias Rein, Jochen Mattes; kniend: Pascal Mathis, Martin Sieber (v.l.n.r.)
GetYourGuide-Gründerväter: Tobias Rein, Jochen Mattes; kniend: Pascal Mathis, Martin Sieber (v.l.n.r.) (Galerie)

Es gibt beim Reisen zwei Varianten: Man kommt nach 15 Stunden Flug in einer Grossstadt an, versteht weder Sprache noch Schilder, ist übermüdet, fremd, alleine und will nur noch eines: schlafen. Zweite Möglichkeit: Man reist in einer Gruppe, wird nach der Ankunft in einen klimatisierten Bus verfrachtet, mit Informationen überschüttet, im Hotel abgeladen und alleine gelassen. Keine der beiden Varianten ist wirklich überzeugend. Und genau deshalb gibt es jetzt eine dritte: Ein netter Einheimischer holt Sie am Flughafen ab, führt Sie zuerst in ein gemütliches Hotel, später in ein gutes Esslokal und nimmt Sie am nächsten Tag mit auf einen Stadtbummel fernab der Touristenströme.

Unmöglich, so etwas zu organisieren? Mitnichten. Dank sechs ETH-Absolventen beziehungsweise -Studenten ist der lokale Reiseführer mit dem gewissen Etwas künftig nur ein paar Mausklicks entfernt. Pascal Mathis, Jochen Mattes, Johannes Reck, Tobias Rein, Martin Sieber und Tao Tao haben hierzu die GetYourGuide GmbH gegründet. Das Firmenkonzept ist denkbar einfach: Reiseführer aus aller Welt laden ein Profil mit Bild und Beschreibung der angebotenen Touren auf die Internetplattform www.getyourguide.com. Dort werden sie über unterschiedliche Suchfunktionen von Reisenden gefunden und direkt online gebucht. „Wir bringen Guides und Travellers zusammen, und zwar auf einer direkten, persönlichen Ebene“, erläutert Pascal Mathis die Idee. Das Geschäftsmodell funktioniert über Kommissionen. „Die Reiseführer bezahlen uns einen gewissen Betrag pro gebuchte Tour, ähnlich wie die Einstellgebühren bei Ebay“, erklärt Jochen Mattes. Am Schluss entstehe eine Win-Win-Win-Situation: „Der Traveller kann einen Einheimischen als Guide buchen und sein Reiseziel dadurch auf authentische Weise kennenlernen, der Reiseführer gewinnt mit minimalem Aufwand und über ein modernes Medium neue Kunden, und wir gehen natürlich auch nicht leer aus.“ Je grösser die Gemeinde wird, desto besser für alle, so die Devise. Werbung ist im Konzept keine vorgesehen. „Vorstellbar wäre allenfalls, dass wir Geschäftspartner aus der Reisebranche verlinken“, so Pascal Mathis.

Jeder kann ein Guide sein

GetYourGuide lebt vor allem von der Offenheit für unterschiedlichste Angebote. Reiseführer kann im Prinzip jeder werden, der sich in seinem Wohnort einigermassen auskennt oder eine originelle Idee hat für eine spezielle Tour. Die Plattform der sechs ETH-Jungunternehmer besetzt mit diesem Konzept gleich zwei Nischen: Einerseits ist GetYourGuide ein soziales Netzwerk; ganz in Sinne von Web 2.0 können auf einfache Weise neue Beziehungen geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht werden. Andererseits finden entdeckungsfreudige Touristen hier Angebote, wie sie Reiseunternehmen und Agenturen so nicht bereitstellen. Die Qualität wird über ein Bewertungssystem gewährleistet. Wer einen Guide gebucht und die Tour gemacht hat, muss danach ein Feedback abgeben und Punkte verteilen. Reiseführer, die genügend Punkte gesammelt haben, steigen vom Hobby-Guide zum Semi-Profi auf. Für letztere sind günstigere Konditionen vorgesehen. „Den Halbprofis möchten wir eine Flat Rate anbieten, also eine Monatspauschale anstelle der Gebühren pro gebuchter Tour“, erklärt Pascal Mathis. Eine Kategorie Profi ist für einen späteren Zeitpunkt ebenfalls vorgesehen. Als Profis werden jedoch nur Agenturen taxiert, die über ein Profil gleich mehrere Guides verwalten.

Technisch konzentrieren sich die Jungunternehmer im Moment noch auf das Internet, später soll auch die Buchung über das Handy möglich sein. „Hierzu müssen aber zuerst entsprechende Applikationen entwickelt werden“, sagt Jochen Mattes. Bei Nutzung übers Web stehen den Reisenden verschiedene Suchfunktionen zur Verfügung. Reiseführer lassen sich finden, indem über das Anklicken von elektronischen Landkarten alle Angebote in den entsprechenden Ländern, Regionen oder Städten angezeigt werden. Wer es eilig hat, kann aber auch die Funktion „GuideNow“ nutzen. Die Suche verläuft dann über die Eingabe von Datum und Ort, Preisrahmen und Art der Tour. Mit der Auswahl wird automatisch eine Anfrage an sämtliche Guides im betreffenden Ort ausgelöst: sie erhalten eine E-Mail und sollten innert 20 Minuten antworten, falls sie zum gewünschten Zeitpunkt eine Tour anbieten können.

EM als Kick-off-Event

Noch befinden sich die sechs Jungunternehmer im Anfangsstadium und sind auf der Suche nach Reiseführern, die ihre Plattform nutzen wollen. Dabei konzentrieren sie sich zunächst auf die Stadt Zürich. Die Fussball-Europameisterschaft im Juni ist der ideale Anlass, das Geschäftsmodell zu testen. Pünktlich auf den Beginn der Euro 08 soll die Website denn auch voll funktionstüchtig sein. Klappt alles, werden als nächstes Ziel die Olympischen Sommerspiele in Peking anvisiert. Schliesslich gehört mit Tao Tao ein gebürtiger Chinese zum Gründungsteam und auch die Geschäftsidee wurde in Peking geboren. Dorthin flogen Johannes Reck und Tao Tao im vergangenen Frühjahr für eine Konferenz. Allerdings reisten sie getrennt und Reck musste sich am ersten Tag alleine in der chinesischen Hauptstadt durchschlagen. „Er hatte etliche Probleme, kannte sich nicht aus, konnte sich nicht verständigen“, erzählt Pascal Mathis. Dies änderte sich schlagartig, als Tao Tao eintraf: „Obwohl Tao einen deutschen Pass besitzt und nicht perfekt chinesisch spricht, standen den beiden plötzlich sämtliche Türen offen.“ So entstand die Idee für GetYourGuide und passend der Slogan auf der Website „Be a local. Everywhere you go“.

 
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