Veröffentlicht: 22.01.08
Tagung ScienceFuture

Blick über den Tellerrand hinaus

Von der Utopie der Staatenbildung bis hin zur Geschichte der Materialwissenschaft: Das Zentrum Geschichte des Wissens präsentiert im Februar an einer Tagung eine breite Themenpalette aus der Wissenschaftsforschung.

Angela Brunner
Das Organisationsteam (von links): Prof. Jakob Tanner, Prof. Michael Hagner, Prof. Martina Merz, Magaly Tornay, PD Dr. Marianne Sommer, Kijan Espahangizi, Dr. Daniel Speich
Das Organisationsteam (von links): Prof. Jakob Tanner, Prof. Michael Hagner, Prof. Martina Merz, Magaly Tornay, PD Dr. Marianne Sommer, Kijan Espahangizi, Dr. Daniel Speich

Das Zentrum Geschichte des Wissens der ETH und Universität Zürich und die Swiss Association for the Studies of Science, Technology and Society (STS) laden vom 6. bis 9. Februar zu einer Konferenz für Nachwuchsforscherinnen und –forscher ein. Doktoranden und Post-Docs unterschiedlicher Fachrichtungen erhalten die Gelegenheit, ihre Forschungsinteressen auszutauschen. „Wir hoffen natürlich, dass die Forschenden an der Konferenz ihre Netzwerke ausbauen werden“, sagt ETH-Doktorand Kijan Espahangizi, der zum 8-köpfigen Organisationskomitee (OK) gehört und unter anderem die Website für die Konferenz betreut. Andererseits möchten die Organisatoren auch die Nachwuchskräfte für die Swiss Association for the Studies of Science, Technology and Society begeistern.

Volles Programm

Vor einem Jahr begann das Team mit den Vorbereitungen für die viertägige Konferenz und rief im Juni 2007 interessierte Forscher dazu auf, ihr Abstract für ein 20-minütiges Referat einzureichen. Fast 100 Beiträge gingen schliesslich bei den Veranstaltern ein. Da die Veranstalter thematisch offen sind, ist das Programm entsprechend vielfältig. Von brisanten Themen wie die Utopien in der Staatenbildung oder dem digitalen Graben bis zum Peer Review und ethischen Fragen ist alles vertreten, was die Wissenschaftsforscher bewegt. Schwerpunkte lassen sich bei der Biotechnologie oder der Verbreitung von Kommunikationstechnologie sowie kulturwissenschaftlichen Themen ausmachen. „Es war nicht leicht, die Themen zu gruppieren“, sagt Espahangizi, der selbst an der Tagung über seine Doktorarbeit zur Geschichte der Materialwissenschaften referieren wird.

Ausländische Gastreferenten

Zwischen den Themenblöcken referieren bekannte Persönlichkeiten wie Professor Mary Morgan von der London School of Economics oder Professor Paul Rabinow von der University of California, Berkley, der zum Schluss die synthetische Biologie aus ethnologischer Sicht thematisiert. Abgerundet wird die Veranstaltung durch Abendprogramme. So präsentiert Professor Suzanne Buchan Kurzfilme im Cabaret Voltaire.

Die internationale Konferenz wird mehrheitlich auf Englisch abgehalten, rund 100 Fachleute werden erwartet. Interessierte Laien sind laut Espahangizi ebenso willkommen. Tageskarten oder 4-Tageskarten sind online oder an der Veranstaltung vor Ort erhältlich. Der ETH-Doktorand ist bereits jetzt davon überzeugt, dass die Konferenz für alle eine Bereicherung sein wird.

"Die Zukunft ist ein Thema"


Michael Hagner, seit 2003 ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, ist einer der Organisatoren der „Science Futures“-Konferenz. Im Kurzinterview mit ETH Life sagt er, weshalb sie die Zukunft thematisieren.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der vierten STS-Tagung „Science Futures“?

„Science Futures“ beschäftigt sich mit der Frage, wie es mit der Wissenschaft, der Technik und der Gesellschaft in der Zukunft bestellt ist. Wir wollen das Thema Zukunft wieder verstärkt zum Gegenstand der geisteswissenschaftlichen Forschung machen. Es gibt drängende und wichtige Themen wie Klimawandel, Hirnforschung, Biotechnologie oder Nanowissenschaften. Auf der Tagung werden Themen diskutiert, die sich für das Spannungsverhältnis zwischen der heutigen Forschung und den Erwartungen an zukünftige Forschungsergebnisse interessieren. Es geht nicht zuletzt darum, auf die Wissenschaften einen anderen Blick zu bekommen, den die Forschenden selbst kaum haben können. Die Wissenschaftsforschung kann für die Einschätzung in der Öffentlichkeit nützlich sein und hilft Wissenschaftlern manchmal auch, über ihren eigenen Tellerrand hinaus zu blicken.

Weshalb wählten Sie die Zukunft als Thema der diesjährigen Konferenz?
Weil das Thema Zukunft in den letzten 30 Jahren sehr stark von den Naturwissenschaften besetzt worden ist. Nach der 68er Zeit und dem Marxismus, der ja voll von Zukunftserwartungen, Utopien und Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft erfüllt war, setzte der Kater, die grosse Desillusionierung ein. Seither haben die Geisteswissenschaftler die Finger von dem Thema Zukunft gelassen. Damit vernachlässigen sie ein für die Gesellschaft wichtiges Thema. Es ist schlecht, dass wir Geisteswissenschaftler nichts mehr zu diesem Thema zu sagen haben. Das hat sich in den vergangen Jahren etwas geändert. Am Collegium Helveticum beispielsweise gab es ein kleines Projekt zu diesem Thema. Aber die Beschäftigung ist eher punktuell. Mit dieser grossen, internationalen STS-Tagung wollten wir ein Zeichen setzen. Denn die Zukunft ist ein Thema, das auf die Agenda unserer Forschung zurückkehren sollte.

Wie entwickelte sich die Wissenschaftsforschung?
In den vergangenen 25 Jahren hat die Wissenschaftsforschung eine Reihe von wichtigen Arbeiten vorgelegt – vor allem zur Bedeutung der Praxis in der Wissenschaft. Sie hat gezeigt, dass Wissenschaft nicht nur aus zu testenden Theorien und Hypothesen besteht, wie das die alte Wissenschaftstheorie meinte. Die materielle Kultur ist ganz entscheidend. Apparaturen, Objekte, Darstellungsformen und Experimente sind sehr wichtig. In jüngster Zeit konzentriert sich die Wissenschaftsforschung nun wieder stärker auf die Erwartungen, Hoffnungen und Angebote, die die Wissenschaftler sich und der Gesellschaft in Hinblick auf ihre Forschung machen, thematisiert überhaupt die medialen, politischen und ökonomischen Zusammenhänge, in denen Wissenschaft stattfindet.

 
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