Veröffentlicht: 02.11.07
Umweltwissenschaften

Ungedüngt gleich artenreich

Die Artenvielfalt einer Agrarlandschaft hängt stark vom Anteil von nicht bewirtschafteten Flächen und der Düngung ab. Diese beiden Indikatoren gelten universell in weiten Teilen Europas. Das zeigt eine europaweit durchgeführte Erhebung unter der Mitwirkung von ETH-Forscherinnen und -forschern. Sie wollen mit den Resultaten die EU-Agrarpolitik beeinflussen.

Peter Rüegg
Brachen im Landwirtschaftsgebiet sind die Voraussetzung für eine hohe Artenvielfalt.
Brachen im Landwirtschaftsgebiet sind die Voraussetzung für eine hohe Artenvielfalt. (Galerie)

Die Kulturlandschaften Mitteleuropas werden seit einigen Jahrzehnten intensiver landwirtschaftlich genutzt als je zuvor. Mit verheerenden Folgen für viele Tier- und Pflanzenarten. Selbst einst häufige Arten wie der Feldhase sind vielerorts verschwunden. Kurz: die Artenvielfalt im Kultur- und Landwirtschaftsland ist stark gefährdet. Doch wie kann man Veränderungen in der Biodiversität möglichst schnell und dennoch umfassend erfassen? Welche einfach zu messenden, universellen Indikatoren gibt es, die die Artenvielfalt auch für einen Grossraum wie das gemässigte Europa anzeigen?

Drei Jahre Feld- und Bestimmungsarbeit

Im Rahmen des EU-Projekts "Greenveins" haben Forscherinnen und Forscher in sieben Ländern Europas von Frankreich bis Estland 25 Flächen mit je 16 Quadratkilometern auf ihre Arten- und Strukturvielfalt in Agrargebieten untersucht. Sie bestimmten die darin vorkommenden Pflanzen, Vögel und ausgewählte Gruppen von Gliedertieren, wie Spinnen, Wildbienen oder Laufkäfer. Aufgrund ihrer Untersuchungen versuchten sie, Verbindungen zwischen Artengruppen oder Landschaftselementen zu bilden, um solche Indikatoren zu erkennen. Drei Jahre dauerten die Feldaufnahmen, im Oktober dieses Jahres wurden die Ergebnisse der Studie in der Fachzeitschrift Journal of Applied Ecology veröffentlicht. (1)

Unproduktiv plus ungedüngt gleich artenreich

"Eigentlich ist es ziemlich einfach“, sagt Dr. Regula Billeter, Oberassistentin an der ETH-Professur für Pflanzenökologie, die die Studie mitgeleitet hat, "alle Landschaften im gemässigten Europa reagieren ähnlich." Je mehr "unproduktive" Flächen – also Hecken, Brachen, blumenreiche Ackersäume und extensiv genutzte Wiesen - die Untersuchungsgebiete enthielten, desto mehr Arten kamen in den entsprechenden Flächen vor. Die "Möblierung" der Landschaft ist deshalb ein guter Zeiger für die Artenvielfalt.

Zudem konnten die Forscher aufzeigen, dass der Grad der Düngung ein weiterer wichtiger Indikator für Artenvielfalt ist. Je mehr gedüngt wird, desto weniger Pflanzen- und Vogelarten kommen in diesen Gebieten vor. Die Vögel leiden indirekt unter Düngung, denn sie bringt die Vielfalt an samentragenden Kräutern zum Verschwinden; Insekten legen wegen des Düngers weniger Gewicht zu. In gedüngten Gegenden finden deshalb Vögel zu wenig Futter für sich und ihre Brut.

Doch nicht alle untersuchten Organismen passen in das Schema. Die Vielfalt von Käfern scheint unter der Düngung kaum abzunehmen. Mit ein Grund, weshalb einzelne Artengruppen nicht als grossräumige Indikatoren für die Artenvielfalt verwendet werden können.

Klettgau ist Wanzenparadies

Im europäischen Vergleich schliessen die für diese Arbeit ausgewählten schweizerischen Kulturlandschaften nicht so schlecht ab. So wies die Untersuchungsfläche im Klettgau, Kanton Schaffhausen, die grösste Zahl von verschiedenen Wanzen auf, diejenige im Reusstal bestach durch ihre Pflanzenvielfalt. Dies sei darauf zurück zu führen, dass im Reusstal viele artenreiche Feuchtgebiete in der Agrarlandschaft geschützt und erhalten würden, sagt Billeter. Die Wanzenvielfalt im Klettgau erklärt sie sich mit der konsequenten Förderung von Buntbrachen.

Die Erkenntnisse aus der Studie seien intuitiv klar und würden vielleicht offensichtlich erscheinen, so die ETH-Forscherin. In Bezug auf die geographische Abdeckung - die Untersuchungen wurden in sieben Ländern gleichzeitig durchgeführt -, Grösse und Vielfalt der Untersuchungsgebiete sowie der zahlreichen verwendeten Indikatoren ist die Studie jedoch einzigartig.

Einfluss auf EU-Agrarpolitik

Dass aus dieser umfassenden Studie so eindeutige Resultate hervorgehen, ist für Billeter "sehr erfreulich". Die Resultate seien ein wichtiger wissenschaftlicher Hintergrund für die EU-Agrarpolitik. Denn die EU bestimmt die Agrarpolitik nicht für einzelne Regionen, sondern für ganz Europa, misst also sämtliche Agrarlandschaften von ganz unterschiedlicher "Ausstattung" mit der gleichen Elle. Deshalb ist es in den Augen der Forscher auch wichtig, universell gültige Indikatoren für die Artenvielfalt herauszuarbeiten.

Aus der Arbeit leitet Regula Billeter Empfehlungen an die Agrarpolitik und Landbewirtschaftung ab. Am besten sei es, die bestehenden extensiven Elemente in der Landschaft zu erhalten. Zudem empfiehlt sie, wo und wann immer möglich, bestehende naturnahe Gebiete oder Elemente wie Hecken zu erweitern. "Diese Empfehlungen sind nicht absolut neu, aber die Studie zeigt deren Richtigkeit und Wichtigkeit auf eindrückliche Weise und es schadet sicher nichts, sie wieder in Erinnerung zu rufen", so die Forscherin. Die Nachfrage nach dem vollständigen Text der Publikation bestätigt ihr diese Einschätzung: Die Arbeit wurde bereits von vielen verschiedenen interessierten Personen und Institutionen angefordert.

 
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