Veröffentlicht: 25.10.07
Plädoyer für eine verantwortungsbewusste Wissenschaft

Dialog als Kultur

Rankings, die mit Qualität ineins gesetzt werden, Publikationen, die vor allem das persönliche Renommée bedienen, ein Hang zum Expertentum, das den echten Austausch verhindert: Es laufe im akademischen Prozess einiges schief, finden ETH-Professoren. Die Kommission "Dialog Wissenschaft – Gesellschaft" will das ändern: mit einem Plädoyer für die ursprünglichen Werte der Wissenschaft.

Norbert Staub
Wissenschaft soll wieder vermehrt den Austausch auf gleicher Augenhöhe pflegen: Szene aus der
Wissenschaft soll wieder vermehrt den Austausch auf gleicher Augenhöhe pflegen: Szene aus der "Nacht der Forschung" vom 28. September 2007 im und am Zürcher Seebecken. (Veranstalter: Corporate Communications ETH Zürich und Euresearch Zürich). (Galerie)

Den Anstoss zur Bildung der Gruppe hat der ETHFeldversuch mit gentechnisch verändertem Weizen gegeben, erzählt Gerd Folkers, Leiter des Collegium Helveticum und Präsident der Kommission. Der Versuch war während mehreren Jahren von Gegnern wie Greenpeace kritisiert und blockiert worden, bevor er im Jahr 2004 durchgeführt werden konnte. Die Hartnäckigkeit, mit welcher der Versuch bekämpft wurde, überraschte viele.

"Wir haben an diesem Fall festgestellt, dass es der Forschung an Dialogstrategien mangelt. Es braucht seitens der Wissenschaft mehr und anderes als Expertise, um die Öffentlichkeit ins Boot zu holen." Wenn von breiten Kreisen die "rote" Gentechnologie – sprich Gentech in der Humanmedizin – uneingeschränkt als Segen, die "grüne" aber als Gefahr und gesellschaftlicher Affront empfunden wird, könne etwas nicht stimmen mit der Art, wie sich die Forschung darstellt. "Wir müssen uns wieder auf den Kern der akademischen Kultur besinnen, und das ist der Dialog auf gleicher Augenhöhe."

Gründliche Selbstreflexion

Aber es genüge nicht, den Wissenschaftlern ein paar Kniffe für eine bessere Kommunikation beizubringen. Bereits in ihrer ersten Sitzung, so Folkers, wurde die Kommission grundsätzlich und fokussierte auf die mangelnde Kommunikation unter Wissenschaftlern. Folkers: "Wir haben eine gründliche Selbstreflexion angestellt und die universitären Prozesse auch selbstkritisch hinterfragt." Wir, das waren neben dem Kommissionspräsidenten die Professoren Peter Chen (heute ETH-Vizepräsident Forschung), Peter Edwards, Richard Ernst, Wilhelm Gruissem, Gertrude Hirsch Hadorn, René Schwarzenbach, Viola Vogel und CC-Leiterin Verena Schmid Bagdasarjanz.

"Wenn man den Anspruch ernst nimmt, den Dialog in der Wissenschaft zu fördern, sind Strukturänderungen unabdingbar", sagt Folkers. – Doch worauf läuft das hinaus? Auf einen veritablen Wertewandel der innerhalb der an der ETH (und im Hochschulbereich) gelebten Kultur. "Wir wollen zum Beispiel, dass der kompromisslose Wettbewerb unter den Forschern auf ein angemessenes Mass zurück geht. Wir wollen überdies erreichen, dass die Lehre als genau so wertvoll angesehen wird wie die Produktion von Spin-offs oder Patenten. Und wir wollen, dass die ETH-Absolventen wieder als der wertvollste "Output" unserer Institution wahrgenommen werden."

Trügerische Objektivität

Aktuelle Entwicklungen wie das zunehmende Schielen auf Rankings, die Herrschaft des Kosten-Nutzen- Denkens oder der Impaktfaktoren, die über Wohl oder Wehe einer Karriere entscheiden, seien bedenkliche Schritte zu einer Verflachung des akademischen Lebens. Auch der an der ETH voll implementierte Bologna- Prozess, der jede Studienleistung mittels Kreditpunkten objektiviert und quantifiziert, fördere den Glauben, dass sich wissenschaftliches Denken und Können quasi linear, Kreditpunkt für Kreditpunkt, generieren lasse.

"Wir wollen an der ETH doch höchste Qualität, oder?" so Folkers. "Sie ist eben nichts Lineares, sie ist nicht das ausschliessliche Resultat eines Verdrängungswettbewerbs, sondern kristallisiert sich aus der Einsicht in die fundamentalen Zusammenhänge heraus." Wo diese Einsicht fehlt, komme es wohl zu technologischen Lösungen, "aber nicht zu echter Innovation." Er nehme sich zumal in diesem Punkt auch selbst an der Nase, sagt der erfahrene Pharmazie-Professor Folkers. Als Dozent habe er früher sehr viel von aufwendiger medialer Inszenierung gehalten im irrigen Glauben, dass das Aufgebot an modernen Medien mit dem Lernerfolg korrespondiere.

Was schlägt die Kommission nun konkret vor? "Wir stellen einige strukturelle Forderungen, gegliedert in drei Bereiche." (Siehe Kasten.) "Wir wollen zudem, dass der Dialog ganz praktisch in Gang kommt. Dazu sollen zum Beispiel Hospitanzen eingerichtet werden, als Brücken zwischen Bereichen, welche sich bisher überhaupt nicht kannten. Auf das Echo darauf in der ETH sind wir gespannt." Dass die ETH-Departementsvorsteher hinter den Forderungen stehen, lässt hoffen, dass diese Initiative auch Wirkungen zeitigt.

Forderungen zur Stärkung der Dialogkultur


Erster Bereich: Universitäre Kultur
Die Schulleitung, die Departemente, aber auch das akademische Personal hat die Pflicht, ein Klima des befruchtenden Dialogs zu schaffen. Dies beginnt mit einer weisen Berufungspolitik, die neben wissenschaftlichen auch die Sozialkompetenz und die Breite des Horizonts berücksichtigt.

Zweiter Bereich: Freiräume in der Forschung
Nur ein anerkannter Freiraum, der es den Forschenden erlaubt, neuen oder unkonventionellen Ideen nachzugehen, fördert die wissenschaftliche Kreativität. Nicht-zweckgebundene Mittel sind eine wesentliche Voraussetzung. Vielfach kommt es erst dadurch zu echten Wissensfortschritten, denn Entdeckungen sind nicht planbar. Dies fördert bei Forschenden zudem die Bereitschaft zur Übernahme von Aufgaben, die der Gemeinschaft dienen.

Dritter Bereich: Stärkung der akademischen Kultur, Abkehr von der Reduktion auf Messzahlen
- Als "Hauptprodukt" der Hochschule sollen gut ausgebildete, selbständig denkende und verantwortlich handelnde Menschen gesehen werden – nicht solche, die ausschliesslich das numerische Ranking maximieren.
- Langfristiges Denken soll prioritär sein, die Sicherstellung der dazu nötigen Mittel ermöglicht risikoreiche und innovationsträchtige Forschung.
- Lehre: Es soll nicht nur funktionales Wissen, sondern auch Grundsätzliches vermittelt werden, und für (Selbst-) Reflexion und Dialog muss Studierenden genügend Zeit gewährt werden.
- Themen-orientierte Netzwerke, die bottom-up entstehen und partnerschaftlich (und nicht top-down) etabliert werden, sollen vermehrt gefördert werden.
- Die Hierarchien sollen flacher werden, Respekt und Toleranz sollen den Umgang untereinander bestimmen. Respekt und Toleranz für andere Gebiete wird durch interdisziplinäres Wissen gefördert.

 
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