Dialog als Kultur
Rankings, die mit Qualität ineins gesetzt werden, Publikationen, die vor allem das persönliche Renommée bedienen, ein Hang zum Expertentum, das den echten Austausch verhindert: Es laufe im akademischen Prozess einiges schief, finden ETH-Professoren. Die Kommission "Dialog Wissenschaft – Gesellschaft" will das ändern: mit einem Plädoyer für die ursprünglichen Werte der Wissenschaft.
Den Anstoss zur Bildung der Gruppe hat der ETHFeldversuch mit gentechnisch verändertem Weizen gegeben, erzählt Gerd Folkers, Leiter des Collegium Helveticum und Präsident der Kommission. Der Versuch war während mehreren Jahren von Gegnern wie Greenpeace kritisiert und blockiert worden, bevor er im Jahr 2004 durchgeführt werden konnte. Die Hartnäckigkeit, mit welcher der Versuch bekämpft wurde, überraschte viele.
"Wir haben an diesem Fall festgestellt,
dass es der Forschung an Dialogstrategien mangelt. Es braucht seitens der
Wissenschaft mehr und anderes als Expertise, um die Öffentlichkeit ins Boot zu
holen." Wenn von breiten Kreisen die "rote" Gentechnologie –
sprich Gentech in der Humanmedizin – uneingeschränkt als Segen, die
"grüne" aber als Gefahr und gesellschaftlicher Affront empfunden wird,
könne etwas nicht stimmen mit der Art, wie sich die Forschung darstellt.
"Wir müssen uns wieder auf den Kern der akademischen Kultur besinnen, und
das ist der Dialog auf gleicher Augenhöhe."
Gründliche Selbstreflexion
Aber es genüge nicht, den Wissenschaftlern ein paar Kniffe für eine bessere Kommunikation beizubringen. Bereits in ihrer ersten Sitzung, so Folkers, wurde die Kommission grundsätzlich und fokussierte auf die mangelnde Kommunikation unter Wissenschaftlern. Folkers: "Wir haben eine gründliche Selbstreflexion angestellt und die universitären Prozesse auch selbstkritisch hinterfragt." Wir, das waren neben dem Kommissionspräsidenten die Professoren Peter Chen (heute ETH-Vizepräsident Forschung), Peter Edwards, Richard Ernst, Wilhelm Gruissem, Gertrude Hirsch Hadorn, René Schwarzenbach, Viola Vogel und CC-Leiterin Verena Schmid Bagdasarjanz.
"Wenn man den Anspruch ernst nimmt, den Dialog in der Wissenschaft zu fördern, sind Strukturänderungen unabdingbar", sagt Folkers. – Doch worauf läuft das hinaus? Auf einen veritablen Wertewandel der innerhalb der an der ETH (und im Hochschulbereich) gelebten Kultur. "Wir wollen zum Beispiel, dass der kompromisslose Wettbewerb unter den Forschern auf ein angemessenes Mass zurück geht. Wir wollen überdies erreichen, dass die Lehre als genau so wertvoll angesehen wird wie die Produktion von Spin-offs oder Patenten. Und wir wollen, dass die ETH-Absolventen wieder als der wertvollste "Output" unserer Institution wahrgenommen werden."
Trügerische Objektivität
Aktuelle Entwicklungen wie das zunehmende Schielen auf Rankings, die Herrschaft des Kosten-Nutzen- Denkens oder der Impaktfaktoren, die über Wohl oder Wehe einer Karriere entscheiden, seien bedenkliche Schritte zu einer Verflachung des akademischen Lebens. Auch der an der ETH voll implementierte Bologna- Prozess, der jede Studienleistung mittels Kreditpunkten objektiviert und quantifiziert, fördere den Glauben, dass sich wissenschaftliches Denken und Können quasi linear, Kreditpunkt für Kreditpunkt, generieren lasse.
"Wir wollen an der ETH doch höchste Qualität, oder?" so Folkers. "Sie ist eben nichts Lineares, sie ist nicht das ausschliessliche Resultat eines Verdrängungswettbewerbs, sondern kristallisiert sich aus der Einsicht in die fundamentalen Zusammenhänge heraus." Wo diese Einsicht fehlt, komme es wohl zu technologischen Lösungen, "aber nicht zu echter Innovation." Er nehme sich zumal in diesem Punkt auch selbst an der Nase, sagt der erfahrene Pharmazie-Professor Folkers. Als Dozent habe er früher sehr viel von aufwendiger medialer Inszenierung gehalten im irrigen Glauben, dass das Aufgebot an modernen Medien mit dem Lernerfolg korrespondiere.
Was schlägt die Kommission nun konkret vor? "Wir stellen einige strukturelle Forderungen, gegliedert in drei Bereiche." (Siehe Kasten.) "Wir wollen zudem, dass der Dialog ganz praktisch in Gang kommt. Dazu sollen zum Beispiel Hospitanzen eingerichtet werden, als Brücken zwischen Bereichen, welche sich bisher überhaupt nicht kannten. Auf das Echo darauf in der ETH sind wir gespannt." Dass die ETH-Departementsvorsteher hinter den Forderungen stehen, lässt hoffen, dass diese Initiative auch Wirkungen zeitigt.
Forderungen zur Stärkung der Dialogkultur
Erster
Bereich: Universitäre Kultur
Die
Schulleitung, die Departemente, aber auch das akademische Personal hat die
Pflicht, ein Klima des befruchtenden Dialogs zu schaffen. Dies beginnt mit
einer weisen Berufungspolitik, die neben wissenschaftlichen auch die
Sozialkompetenz und die Breite des Horizonts berücksichtigt.
Zweiter
Bereich: Freiräume in der Forschung
Nur
ein anerkannter Freiraum, der es den Forschenden erlaubt, neuen oder
unkonventionellen Ideen nachzugehen, fördert die wissenschaftliche Kreativität.
Nicht-zweckgebundene Mittel sind eine wesentliche Voraussetzung. Vielfach kommt
es erst dadurch zu echten Wissensfortschritten, denn Entdeckungen sind nicht
planbar. Dies fördert bei Forschenden zudem die Bereitschaft zur Übernahme von
Aufgaben, die der Gemeinschaft dienen.
Dritter
Bereich: Stärkung der akademischen Kultur, Abkehr von der Reduktion auf
Messzahlen
- Als "Hauptprodukt" der
Hochschule sollen gut ausgebildete, selbständig denkende und verantwortlich handelnde
Menschen gesehen werden – nicht solche, die ausschliesslich das numerische
Ranking maximieren.
- Langfristiges Denken soll prioritär
sein, die Sicherstellung der dazu nötigen Mittel ermöglicht risikoreiche und
innovationsträchtige Forschung.
- Lehre: Es soll nicht nur funktionales
Wissen, sondern auch Grundsätzliches vermittelt werden, und für (Selbst-)
Reflexion und Dialog muss Studierenden genügend Zeit gewährt werden.
- Themen-orientierte Netzwerke, die
bottom-up entstehen und partnerschaftlich (und nicht top-down) etabliert werden,
sollen vermehrt gefördert werden.
- Die Hierarchien sollen flacher werden,
Respekt und Toleranz sollen den Umgang untereinander bestimmen. Respekt und
Toleranz für andere Gebiete wird durch interdisziplinäres Wissen gefördert.
- 25.10.07: Dialog als Kultur
- 25.10.07: Dialog als Kultur
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