Veröffentlicht: 18.10.07
Beobachtete Gutachter

Wissenschaftsbetrug in Publikationen

Welche Kriterien veranlassen Gutachter und Herausgeber von Wissenschaftsmagazinen ein Manuskript anzunehmen oder abzulehnen? Dies wollten Forschende von der ETH-Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung wissen. Ihre Studie erscheint in der Zeitschrift Scientometrics.

Renata Cosby
Autor der Studie: Dr. Lutz Bornmann von der Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung der ETH Zürich
Autor der Studie: Dr. Lutz Bornmann von der Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung der ETH Zürich (Galerie)

Betrug in der Wissenschaft hat eine lange, unrühmliche Geschichte. Und an dieser Geschichte wird laufend weitergeschrieben.

Erst kürzlich, in 2006, wurde die internationale Wissenschaftsgemeinde einmal mehr aufgerüttelt. Es stellte sich heraus, dass die „nach strenger Prüfung“ vom Wissenschafts-Magazin Science veröffentlichten Forschungsresultate des südkoreanische Stammzellen-Forscher Hwang Woo Suk gefälscht waren.

Wissenschaftsbetrug bekämpfen

Auch die ETH Zürich musste sich 2002 mit der düsteren Realität des Wissenschaftsbetrugs auseinandersetzen; sie war im Fall des Physikers Jan Hendrik Schön1 mit betroffen. Die Hochschule reagierte darauf, indem sie die „Verfahrensordnung bei Verdacht auf Fehlverhalten in der Forschung an der ETH Zürich“2 in Kraft setzte. Damit sollen an der ETH Fälschungen in der Wissenschaft bekämpft werden, die letztlich auch Publikationen beeinflussen.

Prüfen auch auf Anzeichen von Betrug?

Lutz Bornmann, Irina Nast und Hans-Dieter Daniel von der ETH-Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung haben eine Studie zum Thema Betrug in der Wissenschaft durchgeführt. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift „Scientometrics“3 veröffentlicht. Der Titel der Studie lautet: „Do editors and referees look for signs of scientific misconduct when reviewing manuscripts? A quantitative content analysis of studies that examined review criteria and reasons for accepting and rejecting manuscripts for publication“.

Übersehene Fälschungen

Die Studie der ETH-Forschenden untersuchte die Themenbereiche, mit denen sich Wissenschaftler bei der Begutachtung von Zeitschriftenmanuskripten beschäftigen. Datengrundlage bildeten 46 Studien, die zwischen 1967 und 2006 publiziert wurden. Die Studien beschäftigen sich mit den Kriterien bzw. den Annahme- und Ablehnungsgründen von Gutachtern und Herausgebern beim Begutachten von Manuskripten. Die inhaltsanalytische Auswertung der Studien zeigte, dass für die Begutachtung von Zeitschriftenmanuskripten neun Themenbereiche maßgeblich sind.

Die Forscher der ETH Zürich konzentrierten sich in ihrer Studie hauptsächlich auf den Bereich der Wissenschaftsethik, also den letzten der neun Themenbereiche, die in absteigender Folge der Nennungshäufigkeit in den 46 Studien aufgelistet sind. „Relevance of contribution“ ist der erste Themenbereich, der sich insbesondere auf die „Wichtigkeit, Neuheit und Originalität“ eines Manuskriptes bezieht. Es ist interessant, dass in keiner der 46 Studien das Fälschen von Informationen oder das Erfinden von Daten als Thema auftaucht. Dieses Ergebnis gibt einen Hinweis darauf, wie Gutachter offensichtliche Fälle von Fälschungen übersehen konnten, so wie dies bei den Arbeiten von Hwang und Schön geschah.

Weitere Auswertungen der ETH-Forschenden zeigten allerdings, dass die „Qualität der Forschung“ dennoch einen maßgeblichen Stellenwert bei der Begutachtung einnimmt.

"Die Peer Review liefert einen wichtigen Beitrag zur Qualität"

ETHLife: Zur Publikation eingereichte wissenschaftliche Arbeiten werden von Herausgebern und Gutachtern eingeschätzt und nachgeprüft. Deren Gutachten befindet schliesslich darüber, ob ein Manuskript publiziert wird. Dieses Verfahren hinterlässt beim Leser den Eindruck, dass der Inhalt des wissenschaftlichen Magazins wissenschaftlich und ethisch korrekt ist. ?Ist es aber nicht einfach ein Fall von: Vorsicht, Leser?
Lutz Bornmann: Zunächst einmal beruht Wissenschaft auf Vertrauen: Wissenschaftler vertrauen darauf, dass die in Publikationen berichteten Forschungsergebnisse stimmen und nicht frei erfunden sind. Unabhängig davon ist aber auch der „skeptische Blick“ ein wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit. Die Norm des organisierten Skeptizismus besagt, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit kritisch geprüft werden sollen. Das bedeutet, jeder Wissenschaftler hat nicht nur die Ergebnisse der Fachkollegen, sondern auch die eigenen Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, damit der wissenschaftliche Fortschritt mit zuverlässigen Ergebnissen vorangetrieben wird.
Es gibt sicherlich keinen Fürsprecher des Peer Review, der behaupten würde, dass alle Forschungsergebnisse, die begutachtet wurden, wahr sind. Grundsätzlich kann man aber davon ausgehen, dass man den Forschungsergebnissen, die vor der Veröffentlichung ein Peer Review Verfahren bei einer angesehenen Zeitschrift mit positivem Ausgang durchlaufen haben, stärker vertrauen kann, als jenen Ergebnissen, die vor der Veröffentlichung von keinem unabhängigen Fachkollegen geprüft wurden.
Der Begutachtungsprozess scheint sich seit 1967, dem Erscheinungsjahr einiger Ihrer ältesten untersuchten Studien, kaum verändert zu haben? Ist er inzwischen nicht etwas überholt?
Die traditionelle Form des Peer Review, wie sie von den meisten angesehenen Fachzeitschriften durchgeführt wird, gilt generell als ein bewährtes Verfahren – auch wenn Betrugsfälle von Zeit zu Zeit daran Zweifel aufkommen lassen. In den letzten Jahren sind – insbesondere vor dem Hintergrund der Open Access Initiative und den technischen Möglichkeiten, die das Internet bietet – bei einigen Fachzeitschriften neue Formen des Peer Review implementiert worden. So praktiziert beispielsweise die Zeitschrift Atmospheric Chemistry and Physics einen zweistufigen Begutachtungsprozess mit interaktiver Diskussion und traditionellem Peer Review. Auf der ersten Stufe werden Manuskripte, die eine rasche Vorauswahl (Access Review) durch die Editoren passieren, sofort als „Discussion Paper“ im Online-Diskussionsforum des Journals veröffentlicht. Dort werden auch die Kommentare angefragter Fachgutachter und -gutachterinnen, zusätzliche Kommentare anderer interessierter Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft und die Antworten der Autoren publiziert. Auf der zweiten Stufe werden Überarbeitung und Fachbegutachtung der Manuskripte auf die gleiche Weise komplettiert wie bei traditionellen Zeitschriften.
Auch die Zeitschrift Nature experimentierte eine Zeitlang mit einer solchen Form des interaktiven Peer Review. Da die Bereitschaft der Teilnahme der Wissenschaftler an der öffentlichen Form der Begutachtung allerdings zu gering war und die öffentlichen Kommentare nach Ansicht der Herausgeber zumeist wenig brauchbar für den Auswahlprozess der Manuskripte waren, wurde diese Experimentierphase vor kurzem beendet.
Gutachter wissen genau, wie verführerisch es für Wissenschaftler sein kann, Resultate eines Experiments zu manipulieren. Der Lohn des Erfolgs ist gross. Drücken Gutachter gegenüber den bekannten Schwächen des Systems ein Auge zu?
Nein, ich denke nicht. Die aufgedeckten (spektakulären) Betrugsfälle (wie z. B. der Wang-Fall) führen eher dazu, dass man sich um die Beseitigung von Schwächen im Begutachtungssystem bemüht. Ich kann mir auch vorstellen, dass diese Fälle die Sensibilität der Gutachter für einen möglichen Betrug bei der zu begutachtenden Forschung verstärken und häufiger zur Aufdeckung von Betrug führen.
Ihre Studie hat gezeigt, dass „theory“, „design/ conception“ und „discussion of results“ die wichtigsten Themenbereiche für die Beurteilung eines Manuskripts sind. Hat Sie dies überrascht?
Dieses Ergebnis hat mich nicht überrascht. Es hat mich darin bestärkt, dass das Peer Review einen wichtigen Beitrag für die Qualitätskontrolle von Forschung liefert. Daran hätte ich sicherlich gezweifelt, wenn sich in unserer Studie „writing/ presentation“ als der wichtigste Themenbereich herausgestellt hätte.

 
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