Wissenschaftsbetrug in Publikationen
Welche Kriterien veranlassen Gutachter und Herausgeber von Wissenschaftsmagazinen ein Manuskript anzunehmen oder abzulehnen? Dies wollten Forschende von der ETH-Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung wissen. Ihre Studie erscheint in der Zeitschrift Scientometrics.
Betrug in der Wissenschaft hat eine lange, unrühmliche Geschichte. Und an dieser Geschichte wird laufend weitergeschrieben.
Erst kürzlich, in 2006, wurde die internationale Wissenschaftsgemeinde einmal mehr aufgerüttelt. Es stellte sich heraus, dass die „nach strenger Prüfung“ vom Wissenschafts-Magazin Science veröffentlichten Forschungsresultate des südkoreanische Stammzellen-Forscher Hwang Woo Suk gefälscht waren.
Wissenschaftsbetrug bekämpfen
Auch die ETH Zürich musste sich 2002 mit der düsteren Realität des Wissenschaftsbetrugs auseinandersetzen; sie war im Fall des Physikers Jan Hendrik Schön1 mit betroffen. Die Hochschule reagierte darauf, indem sie die „Verfahrensordnung bei Verdacht auf Fehlverhalten in der Forschung an der ETH Zürich“2 in Kraft setzte. Damit sollen an der ETH Fälschungen in der Wissenschaft bekämpft werden, die letztlich auch Publikationen beeinflussen.
Prüfen auch auf Anzeichen von Betrug?
Lutz Bornmann, Irina Nast und Hans-Dieter Daniel von der ETH-Professur für Sozialpsychologie und Hochschulforschung haben eine Studie zum Thema Betrug in der Wissenschaft durchgeführt. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift „Scientometrics“3 veröffentlicht. Der Titel der Studie lautet: „Do editors and referees look for signs of scientific misconduct when reviewing manuscripts? A quantitative content analysis of studies that examined review criteria and reasons for accepting and rejecting manuscripts for publication“.
Übersehene Fälschungen
Die
Studie der ETH-Forschenden untersuchte die Themenbereiche, mit denen sich
Wissenschaftler bei der Begutachtung von Zeitschriftenmanuskripten beschäftigen.
Datengrundlage bildeten 46 Studien, die zwischen 1967 und 2006 publiziert
wurden. Die Studien beschäftigen sich mit den Kriterien bzw. den Annahme- und
Ablehnungsgründen von Gutachtern und Herausgebern beim Begutachten von Manuskripten.
Die inhaltsanalytische Auswertung der Studien zeigte, dass für die Begutachtung
von Zeitschriftenmanuskripten neun Themenbereiche maßgeblich sind.
Die Forscher der ETH Zürich konzentrierten sich in ihrer Studie hauptsächlich auf den Bereich der Wissenschaftsethik, also den letzten der neun Themenbereiche, die in absteigender Folge der Nennungshäufigkeit in den 46 Studien aufgelistet sind. „Relevance of contribution“ ist der erste Themenbereich, der sich insbesondere auf die „Wichtigkeit, Neuheit und Originalität“ eines Manuskriptes bezieht. Es ist interessant, dass in keiner der 46 Studien das Fälschen von Informationen oder das Erfinden von Daten als Thema auftaucht. Dieses Ergebnis gibt einen Hinweis darauf, wie Gutachter offensichtliche Fälle von Fälschungen übersehen konnten, so wie dies bei den Arbeiten von Hwang und Schön geschah.
Weitere
Auswertungen der ETH-Forschenden zeigten allerdings, dass die „Qualität der
Forschung“ dennoch einen maßgeblichen Stellenwert bei der Begutachtung einnimmt.
"Die Peer Review liefert einen wichtigen Beitrag zur Qualität"
ETHLife: Zur Publikation eingereichte wissenschaftliche Arbeiten werden von Herausgebern
und Gutachtern eingeschätzt und nachgeprüft. Deren Gutachten befindet
schliesslich darüber, ob ein Manuskript publiziert wird. Dieses Verfahren
hinterlässt beim Leser den Eindruck, dass der Inhalt des wissenschaftlichen
Magazins wissenschaftlich und ethisch korrekt ist. ?Ist es aber nicht einfach
ein Fall von: Vorsicht, Leser?
Lutz Bornmann: Zunächst einmal beruht Wissenschaft auf
Vertrauen: Wissenschaftler vertrauen darauf, dass die in Publikationen berichteten
Forschungsergebnisse stimmen und nicht frei erfunden sind. Unabhängig davon ist
aber auch der „skeptische Blick“ ein wesentlicher Bestandteil der
wissenschaftlichen Arbeit. Die Norm des organisierten Skeptizismus besagt, dass
die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit kritisch geprüft werden sollen. Das
bedeutet, jeder Wissenschaftler hat nicht nur die Ergebnisse der Fachkollegen,
sondern auch die eigenen Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, damit der
wissenschaftliche Fortschritt mit zuverlässigen Ergebnissen vorangetrieben
wird.
Es gibt sicherlich keinen Fürsprecher des
Peer Review, der behaupten würde, dass alle Forschungsergebnisse, die
begutachtet wurden, wahr sind. Grundsätzlich kann man aber davon ausgehen, dass
man den Forschungsergebnissen, die vor der Veröffentlichung ein Peer Review
Verfahren bei einer angesehenen Zeitschrift mit positivem Ausgang durchlaufen
haben, stärker vertrauen kann, als jenen Ergebnissen, die vor der
Veröffentlichung von keinem unabhängigen Fachkollegen geprüft wurden.
Der Begutachtungsprozess scheint sich seit 1967, dem Erscheinungsjahr
einiger Ihrer ältesten untersuchten Studien, kaum verändert zu haben? Ist er
inzwischen nicht etwas überholt?
Die traditionelle Form des Peer Review, wie
sie von den meisten angesehenen Fachzeitschriften durchgeführt wird, gilt
generell als ein bewährtes Verfahren – auch wenn Betrugsfälle von Zeit zu Zeit
daran Zweifel aufkommen lassen. In den letzten Jahren sind – insbesondere vor
dem Hintergrund der Open Access Initiative und den technischen Möglichkeiten,
die das Internet bietet – bei einigen Fachzeitschriften neue Formen des Peer
Review implementiert worden. So praktiziert beispielsweise die Zeitschrift Atmospheric Chemistry and Physics einen
zweistufigen Begutachtungsprozess mit interaktiver Diskussion und
traditionellem Peer Review. Auf der ersten Stufe werden Manuskripte, die eine
rasche Vorauswahl (Access Review) durch die Editoren passieren, sofort als
„Discussion Paper“ im Online-Diskussionsforum
des Journals veröffentlicht. Dort werden auch die Kommentare angefragter
Fachgutachter und -gutachterinnen,
zusätzliche Kommentare anderer interessierter Mitglieder der wissenschaftlichen
Gemeinschaft und die Antworten der Autoren publiziert. Auf der zweiten Stufe
werden Überarbeitung und Fachbegutachtung der Manuskripte auf die gleiche Weise
komplettiert wie bei traditionellen Zeitschriften.
Auch die Zeitschrift Nature experimentierte eine Zeitlang mit einer solchen Form des
interaktiven Peer Review. Da die Bereitschaft der Teilnahme der Wissenschaftler
an der öffentlichen Form der Begutachtung allerdings zu gering war und die
öffentlichen Kommentare nach Ansicht der Herausgeber zumeist wenig brauchbar
für den Auswahlprozess der Manuskripte waren, wurde diese Experimentierphase
vor kurzem beendet.
Gutachter wissen genau, wie verführerisch es für Wissenschaftler sein
kann, Resultate eines Experiments zu manipulieren. Der Lohn des Erfolgs ist
gross. Drücken Gutachter gegenüber den bekannten Schwächen des Systems ein Auge
zu?
Nein, ich denke nicht. Die aufgedeckten
(spektakulären) Betrugsfälle (wie z. B. der Wang-Fall)
führen eher dazu, dass man sich um die Beseitigung von Schwächen im
Begutachtungssystem bemüht. Ich kann mir auch vorstellen, dass diese Fälle die
Sensibilität der Gutachter für einen möglichen Betrug bei der zu begutachtenden
Forschung verstärken und häufiger zur Aufdeckung von Betrug führen.
Ihre Studie hat gezeigt, dass „theory“, „design/ conception“ und „discussion of results“ die wichtigsten Themenbereiche
für die Beurteilung eines Manuskripts sind.
Hat Sie dies überrascht?
Dieses Ergebnis hat mich nicht überrascht.
Es hat mich darin bestärkt, dass das Peer Review einen wichtigen Beitrag für
die Qualitätskontrolle von Forschung liefert. Daran hätte ich sicherlich gezweifelt,
wenn sich in unserer Studie „writing/ presentation“ als der wichtigste
Themenbereich herausgestellt hätte.
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