Veröffentlicht: 09.10.07
Daniel Vonder Mühll, Geschäftsführer SystemsX.ch, zum Ausbau der Systembiologie in der Schweiz

Die Schweiz soll weltweit eine Spitzenposition einnehmen

SystemsX.ch wurden mit der Verabschiedung des Budgets für Bildung, Forschung und Innovation durch die eidgenössischen Räte über die nächsten vier Jahre 100 Mio. Franken zugesprochen. SystemsX.ch-Geschäftsführer Daniel Vonder Mühll erklärt, was hinter dem kryptischen Namen steht, und wie das Geld eingesetzt werden soll.

Roland Baumann
Daniel Vonder Mühll, Geschäftsführer SystemsX.ch
Daniel Vonder Mühll, Geschäftsführer SystemsX.ch (Galerie)

Herr Vonder Mühll, wieso heisst SystemsX nun SystemsX.ch?

SystemsX.ch ist ein Programm, das gezielt systembiologische Forschungsprojekte in der Schweiz unterstützt. Ziel ist es biologische Prozesse ganzheitlich zu erforschen und verstehen: die Eigenschaften aller beteiligter Moleküle, deren Vernetzungen, Wirkungskaskaden etc. Durch die interdisziplinäre Kombination der qualitativen, quantitativen und theoretischen Biologie sollen diese Prozesse langfristig in Computermodellen simuliert werden können.

Formal bedeutet SystemsX.ch den Zusammenschluss zweier Schweizerischer Life-Science-Initiativen. Unter dem Namen SystemsX wurde 2004 von der ETH Zürich und den Universitäten Zürich und Basel eine Initiative für Systembiologie lanciert. Der Name wurde vom damaligen ETH-Präsidenten Olaf Kübler vorgeschlagen; er lehnt sich an Bio-X an, der Bezeichnung eines interdisziplinären Forschungs- und Lehrprogramms der Stanford University. Er soll zum Ausdruck bringen, dass die interdisziplinäre, systemische Betrachtung in Zukunft in der Biologie aber auch in allen anderen Forschungsbereichen unerlässlich ist. Die Schweizerische Universitätskonferenz SUK und der ETH-Rat alimentierten den Aufbau der Systembiologie mit je 10 Mio. Franken. Je 10 Mio. Franken investierten auch die beiden Basler Halbkantone in SystemsX, insbesondere zum Aufbau des Basler Departements der ETH Zürich D-BSSE.

Parallel dazu gab es am Genfer Seebecken das Programm „Sciences, Vie, Société (SVS)“ der EPF Lausanne mit den Universitäten Lausanne und Genf sowie den Nationalen Forschungsschwerpunkt „Frontiers in Genetics“ des Schweizerischen Nationalfonds. Das Staatssekretariat für Bildung und Forschung stellte in Aussicht, dass ein gut vorbereitetes Programm, welches beide Initiativen vereinigt, gute Aussicht auf eine spezifische Bundesfinanzierung hätte. Im Mai 2006 fiel der Entscheid, unter SystemsX.ch eine gesamtschweizerische Initiative für Systembiologie zu starten, die jetzt von den sieben Hochschulen ETH Zürich, EPF Lausanne sowie den Universitäten Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich als gleichberechtigte Partner getragen wird

Welche Aufgaben hat SystemsX.ch?

Die Initiative soll den Forschungsplatz Schweiz für die systembiologische Forschung stärken und weltweit in eine Spitzenposition führen. Systembiologie baut auf den Erkenntnissen der IT- und Nanoforschung sowie der Entschlüsselung des menschlichen Genoms auf und wendet Methoden der Chemie, Physik, Mathematik, Computerwissenschaft, Medizin und des Engineering auf biologische Fragestellungen an. Die Forschung ist technisch äusserst anspruchsvoll und entsprechend kostenintensiv. Sie kann schweizweit gar nicht an nur einer Hochschule stattfinden. SystemsX.ch hat die Aufgabe, gesamtschweizerisch das entsprechende Umfeld zu schaffen und zu unterstützen. Dazu gehört, dass sich die Forschungsgruppen der Partnerinstitutionen komplementär vernetzen sowie den Zugang zu den notwendigen Technologien haben, um systembiologische Fragestellungen anzugehen.

Ein Thema sind auch Private-Public-Partnerships. Mittelfristig, d.h. in den nächsten rund 10 Jahren, sollen dank SystemsX.ch in der Schweiz geeignete Strukturen für die Systembiologie entstehen. Danach soll Systembiologie in den Hochschulen verankert sein, und SystemsX.ch kann sich möglicherweise auflösen.

100 Mio. Franken sind eine Menge Geld. Drückt dies den Stellenwert der Systembiologie in der Schweiz aus? Und wie sind die 100 Mio. Franken im internationalen Kontext zu werten?

Auf nationaler Ebene wurden neben den 100 Mio. Franken für SystemsX.ch weitere 100 Mio. gesprochen für den weiteren Aufbau des Basler Departements der ETH Zürich, D-BSSE. Damit werden vom Bund in den nächsten vier Jahren im Bereich Systembiologie nahezu gleich hohe Investitionen getätigt wie für alle anderen 20 Forschungsschwerpunkte (265 Mio.) zusammen. Ein so klares Commitment des Bundes ist bisher beispiellos.

International finden die massiven Investitionen der Schweiz Beachtung. Schweizer Systembiologen werden an internationalen Kongressen darauf angesprochen. Bewunderung findet insbesondere auch das Tempo, das die Schweiz vorlegt. Wenn man nur die Zahlen betrachtet, relativieren sich die Beträge etwas. So investiert Grossbritannien etwa jährlich 30 Mio. Pfund (80 Mio. Franken) in den Bereich Systembiologie. In den USA, wo diese Forschungsrichtung geprägt wurde, steht ein Vielfaches davon zur Verfügung.

Ein Topf von 100 Mio. Franken ist dazu geeignet, manche Begehrlichkeiten zu wecken. Die Gelder könnten zu Rivalitäten unter den beteiligten Hochschulen führen. Wie stellen Sie sicher, dass die Forschungsgelder gerecht zugeteilt werden?

Zunächst ist festzuhalten, dass wir keine Mittel nach dem Giesskannenprinzip verteilen. Alle Forschungsgelder werden kompetitiv vergeben, wobei ausschliesslich zwei Kriterien massgebend sind: Das Scientific Executive Board unter der Leitung von ETH-Professor Ruedi Aebersold entscheidet, ob es sich um ein echtes systembiologisches Projekt handelt, das auch quantitative und theoretische Aspekte beinhaltet. Daraufhin beurteilt der Schweizerische Nationalfonds (SNF) die wissenschaftliche Qualität des Projekts. Der SNF stellt auch während des Projektverlaufs die Qualität sicher und ist für die Erfolgskontrolle verantwortlich.

Wichtig ist auch die Tatsache, dass es sich bei den Mitteln um sogenannte „Matching Funds“ handelt. Das heisst, die Hochschulen müssen 50 Prozent der Projektkosten aus eigenen Ressourcen bestreiten.

Die Geschäftsstelle von SystemsX.ch befindet sich an der ETH Zürich. Hat dies mit der Bedeutung der ETH Zürich im Bereich Systembiologie zu tun?

Die ETH Zürich hat in den letzten vier Jahren u.a. mit der Berufung von Ruedi Aebersold aus Seattle, der Gründung des Instituts für molekulare Systembiologie und dem Aufbau des D-BSSE den Schwerpunkt Systembiologie erarbeitet. Sie war Leading House beim Aufbau von SystemsX und ist auch federführend bei SystemsX.ch. ETH-Präsident Eichler ist Chairman des Board of Directors von SystemsX.ch und Ruedi Aebersold leitet das Scientific Executive Board. Insofern ist es naheliegend, dass sich auch die Geschäftsstelle hier befindet, weil wir uns regelmässig austauschen.

Wir geniessen seit Beginn Gastrecht an der ETH Zürich und können vom grossen Know-how der zentralen Dienste profitieren. Dafür sind wir sehr dankbar.

Zur Person

Der 44-jährige Daniel Vonder Mühll leitet seit Anfang Jahr die Geschäftsstelle von SystemsX.ch. Seit 1996 ist der ETH-Alumnus ausserdem Lehrbeauftragter für Glaziologie und Geomorphologie an der ETH Zürich und der Universität Zürich. Ihm zur Seite steht Andrea Kaufmann, die bereits an der Universität Basel für ihn tätig war, wo Vonder Mühll von 2000 bis 2006 auf dem Rektorat das Ressort Forschung leitete. Mitte September stiess Franziska Biellmann zum Team.

 
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