Veröffentlicht: 02.10.07
Klima-Symposium an der ETH

Bundesrätin setzt auf Emissionshandel

Wissenschaftler zeichneten am Freitag ein düsteres Klimabild von der Zukunft und fordern die Politik zum raschen Handeln auf. Bundesrätin Doris Leuthard nahm den Ball am Podium auf und sagte, weshalb sie vor allem auf den Handel mit internationalen Emissionszertifikaten setzt.

Peter Rüegg und Roland Baumann
Bundesrätin Doris Leuthard sprach sich am ETH-Klima-Symposium für den internationalen Emissionshandel aus (Bild: C. Meier).
Bundesrätin Doris Leuthard sprach sich am ETH-Klima-Symposium für den internationalen Emissionshandel aus (Bild: C. Meier). (Galerie)

Der Sommer 2003 bleibt vielen lange in Erinnerung. Lange heisst: ungefähr bis 2040. Dann sollen solche Sommer nämlich normal sein. Und 2060 werden sich die Ältesten mit Wehmut an die kühlen Temperaturen von 2003 zurückerinnern. Das sagt der vierte Zustandsbericht des IPCC für das Klima in Europa voraus, wenn der CO2-Ausstoss nicht rasch zurückgefahren wird. Solche und andere unbequemen Einsichten vermittelten am vergangenen Freitag vier Wissenschaftler am Klimasymposium an der ETH Zürich und diskutierten dies danach an einem Podium mit Bundesrätin Doris Leuthard.

Viel mehr Treibhausgase

Die Klimaaussichten bis 2100 wie sie der vierte IPCC-Report skizziert, sind tatsächlich nicht erfreulich. Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik, Uni Bern, sagte, dass die Konzentration sämtlicher Treibhausgase in der Atmosphäre in den letzten 20'000 Jahren nie so hoch gewesen sind wie heute. Ab 1760 habe ein steiler Anstieg eingesetzt. Das zeigen Messungen der verschiedenen Gase, die in Eisblasen eingeschlossen wurden. Das Kohlendioxid liegt derzeit mit 386 ppm mehr als ein Viertel über dem Mittelwert der letzten 650'000 Jahren.

CO2 und andere Treibhausgase sind eng mit der Temperatur gekoppelt. Berücksichtigt man bei Modellen die Konzentration dieser Gase, dann weisen die prognostizierten Fieberkurven wie beobachtet nach oben. Wird in den Modellen jedoch ohne die Treibhausgase gerechnet, dann verläuft die Temperaturkurve mehr oder weniger gradlinig weiter. „Die Erwärmung der letzten 50 Jahre ist ohne menschliche Faktoren nicht zu erklären“, folgerte Stocker.

Wasserhaushalt auf den Kopf gestellt

Die steigenden Temperaturen verändern den Wasserhaushalt der Erde. So werden trockene Regionen, wie die Iberische Halbinsel oder Südafrika noch trockener; feuchte, nordpolnahe Gebiete hingegen werden mehr Niederschläge erhalten und dies in Form von Starkniederschlägen. In hohen Breitengraden werden auch die Temperaturen rascher und höher ansteigen als in tiefen Breiten, so stellen die Forscher für Gebiete oberhalb des Polarkreises Erwärmungen von bis zu 7 Grad bis zum Jahr 2100 in Aussicht.

Doch beim Klimawandel geht es nicht nur um steigende Temperaturen. Leiden wird auch die belebte Umwelt, also Pflanzen und Tiere. Dies sagte ETH-Forscher Andreas Fischlin. Packeis, Korallenriffe und andere marine Lebensräumen ebenso wie Feuchtgebiete, Fliessgewässer, Tundra, Savanne: die Liste von Ökosystemen, die vom Klimawandel betroffen sind, liesse sich fast beliebig verlängern.

Rund 20 bis 30 Prozent der höheren Tiere und Pflanzen haben ein höheres Risiko auszusterben, falls der Mittelwert der globalen Temperaturen gegenüber heute um 1,5 bis 2,5 Grad steigen. Das Aussterberisiko sei aber regional verschieden, sagte Fischlin. Im Extremfall könnten vier von fünf Pflanzen- oder Tierarten verschwinden. So droht zum Beispiel fast drei Viertel aller höheren Pflanzen der einzigartigen Fynbos-Vegetation Südafrikas mit über 5600 endemischen Pflanzen das Aus.

Böden werden CO2-Quellen

Auch die Funktion der Lebensräume wird vom Klimawandel betroffen sein. Zur Zeit schlucken die Böden viel CO2, das dadurch vorderhand aus der Atmosphäre verschwindet. Hält der aktuelle Ausstoss sowie Landnutzungsänderungen an, dürfte dieses System kippen. Die Landlebensräume werden zu einer Nettoquelle für CO2. Vor 2030 dürften terrestrische Ökosysteme maximal als Senke wirken. Ab 2050 beginnen sie jedoch CO2 abzugeben. „Das bewirkt vermutlich eine weitere Beschleunigung des Klimawandels“, so Fischlin. Besonders besorgt zeigte sich der Forscher darüber, dass die Resilienz der Ökosysteme im Laufe dieses Jahrhunderts erschöpft sein wird. Mit Resilienz bezeichnen Ökologen die Fähigkeit eines Ökosystems, nach einem Extremereignis wieder in seinen Normalzustand zurückzufedern.

Auch in der Schweiz dürfte sich das Gesicht der Landschaft wandeln, fügte Fischlin an. So könnte sich die Zusammensetzung von Artengemeinschaften in den Alpen wandeln. Verschieben wird sich zum Beispiel auch das Abflussregime. Im Winter gibt es einen Wasserüberschuss, im Sommer eher ein Defizit. Dadurch drohen in der kalten Jahreszeit Überschwemmungen und im Sommer Trockenheit. „Was wir bisher erlebt haben, war erst ein Vorgeschmack“, lautete die düstere Prophezeiung des ETH-Forschers.

Glück für Weinbau

Die Forscher hatten jedoch nicht nur schlechte Nachrichten. Der Klimaphysiker Manfred Stock vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sagte, dass sich die Produktionsbedingungen für den Weinbau nach Norden verschieben werden. Bereits heute könne man in Potsdam guten Wein herstellen, und die Weine des Burgenlands in Österreich würden punkto Qualität diejenigen aus der Region Bordeaux übertreffen.

Im Grossen und Ganzen war aber auch er skeptisch. Er warnte vor dem Kollaps des Amazonas-Regenwaldgebietes und vor einer Gefährdung des Monsun-Systems. Weiter haben die Forscher festgestellt, dass Taifune häufiger sehr stark sind, mittlerweile im Südatlantik entstehen und neue Zugbahnen einschlagen.

„Massnahmen zur Anpassung sind aussichtsreich, wenn die Erwärmung nicht mehr als zwei Grad beträgt“, sagte Stock. Mehr als zwei Grad seien wahrscheinlich nicht zu handhaben. Dieses Ziel hält der deutsche Physiker jedoch für machbar. Was jetzt kommen müsse, sei die dritte industrielle Revolution, die auf erneuerbaren Energien gründe.

Politisch tut sich wenig

Ob dieses Zwei-Grad-Ziel erreicht wird, ist jedoch unsicher. Renate Schubert, ETH-Professorin für Nationalökonomie, sieht keine Trendwende beim Energieverbrauch. „Individuell und politisch tut sich wenig“, sagte sie. Weltweit sind 80 Prozent der Energieträger fossile Brennstoffe. Diese wiederum werden ineffizient genutzt.

Schubert präsentierte einen ganzen Strauss von Massnahmen gegen den Klimawandel. Diese setzen auf nationaler oder internationaler Ebene an. Staaten können Zwangsmassnahmen verordnen oder Anreize schaffen, was an die Freiwilligkeit von Wirtschaft und Individuen appelliert. Auf internationaler Ebene können etwa Kompensationszahlungen für den Erhalt von Wäldern oder eine  Zertifikatspflicht zum Ziel führen. Bei allen Massnahmen gebe es jedoch Vor- und Nachteile, führt die Professorin weiter aus. So seien zum Beispiel freiwillige Massnahmen ökologisch nicht effizient, würden aber besser akzeptiert.

Noch aber gebe es kein Patentrezept gegen den Klimawandel. „Die Massnahmenwahl hängt davon ab, wie Ziele und Leitprinzipien – etwa das der globalen Gerechtigkeit – gewichtet werden“, so Schubert, „und das hängt von den Akteuren in den einzelnen Ländern ab.“ Ein weiteres Problem sei, dass die Fühlbarkeit beim Klimawandel relativ gering sei. „Die Zukunft ist so weit weg, die Distanz zu den Szenarien ist zu gross.“ Die Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen, sei deshalb niedrig. „Die Bedeutung des Handelns für die Zukunft wird nicht richtig wahrgenommen“, sagte Schubert.

Auch wenn man angesichts der Grösse des Problems schier verzagt: Renate Schubert präsentierte auch, wie Staaten oder jeder Einzelne sinnvoll handeln kann. So betrachtete sie auf staatlicher Ebene eine CO2-Steuer als sinnvoll, Verbraucher sollten Autos mit geringem CO2-Ausstoss fahren oder energieeffiziente Haushaltsgeräte anschaffen. Die Wissenschaft könne etwas beitragen, indem das Wissen breiter unters Volk gestreut werde und die einzelnen Disziplinen, insbesondere technische oder naturwissenschaftliche Richtungen enger mit Sozial- und Geisteswissenschaften zusammenarbeiten.

CO2-neutrale Schweiz dank Emissionshandel

Den zweiten Teil, ein Referat von Bundesrätin Doris Leuthard sowie ein darauf folgendes Podium, leitete ETH-Präsident Ralph Eichler ein. Aufgabe der Wissenschaft sei es, Probleme darzustellen, zu analysieren und mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Die Industrie setze die Erkenntnisse um und an der Politik sei es, die Rahmenbedingungen zu bestimmen.

Die Volkswirtschaftsministerin formulierte für die Schweiz ehrgeizige Ziele bei der Reduktion des CO2-Ausstosses: „Ich schlage vor, dass wir ein Reduktionsziel von 100 Prozent anstreben.“ Erreichen will Leuthard dieses Ziel vor allem durch den internationalen Handel mit Emissionszertifikaten. Das sei keine billige, sondern eine angemessene Lösung, denn die Schweiz habe weltweit die geringste CO2-Intensität. Verglichen mit anderen Industrieländern sei das Reduktionspotential klein und teuer. Auch würden Schweizerinnen und Schweizer drastische Massnahmen im Alleingang kaum akzeptieren.

Kritik vom Nobelpreisträger

Die Schweiz könne für denselben Betrag im Ausland mehr CO2 reduzieren als im Inland und mit dem Ziel einer 100-prozentigen Reduktion einen maximalen Beitrag leisten. Zudem verhelfe der Technologietransfer zu einer saubereren Industrialisierung der Entwicklungs- und Schwellenländer. Damit liessen sich die sogenannten „grauen Emissionen“, also die CO2-Produktion auf den Importgütern, reduzieren. Schliesslich könne die Schweiz ein weltweites Emissionshandelssystem vorbereiten.

Nobelpreisträger Richard Ernst warnte in der Diskussion davor, im Handel mit Emissionszertifikaten ein Allheilmittel zu sehen. Ihn erinnere das System an den unseligen Ablasshandel, von dem auch die katholische Kirche abgekommen sei. Es könne doch nicht sein, dass die Schweiz weiterhin gleich viel CO2 produziere und sich einfach mit Geld ein gutes Gewissen erkaufe. Da handle es sich um eine Milchbüchleinrechnung; die 100-prozentige Reduktion sei nicht ehrlich.

Sukkurs von der Ökonomieprofessorin

Bei Renate Schubert fand das postulierte Reduktionsziel hingegen Zustimmung. Das Etikett „100% CO2-frei“ habe Symbolkraft und könne einen Beitrag zur „Corporate Identity“ der Gesellschaft leisten. Die Kenntnisse um den Klimawandel müssten in der Bevölkerung steigen. Mangelndes Wissen sei ein Grund dafür, dass zu wenig geschehe. Ein anderer liege in den Instrumenten begründet, die zu einer Reduktion führten. Es sei schwierig, einen Satz von Massnahmen zusammenzustellen, die alle vier Leitprinzipien „ökologische Effizienz“, „ökonomische Effizienz“, „Vorsorge“ und „globale Gerechtigkeit“ erfüllten.

Thomas Stocker stand den Umweltzertifikaten nicht grundsätzlich negativ gegenüber. Er befürchtete aber, dass über die Zeit, wenn viele Länder mitmachen, die Käufer den globalen Markt dominieren werden. Da brauche es einen Plan B. Bundesrätin Leuthard ging jedoch davon aus, dass das neuartige System nicht ewig Gültigkeit haben werde. Das neue Instrument sei aber – im Gegensatz zu einer CO2-Lenkungsabgabe in der Schweiz – ohne politisches Hickhack schnell umsetzbar.

Ein kurzer Schlagabtausch zwischen Ingenieur, Unternehmer und Energie-Lobbyist Michael Kohn und Nationalrätin Kathy Ricklin zum „Klimarappen“ liess das Publikum hoffen, dass die Volkswirtschaftsministerin Recht hat.

Dramatik kaum erkannt

Andreas Fischlin wies mit Nachdruck darauf hin, dass gehandelt werden muss. Es seien alle Massnahmen recht, die dazu beitrügen, die weltweite Klimaerwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken, wie dies der IPCC-Bericht fordert. Dieses Ziel könne nur unter grössten Entbehrungen erreicht werden. Ab 2015 müssten die Emissionen gesamthaft zu sinken beginnen, und die Industrieländer müssten ihren CO2-Ausstoss bis 2050 um bis zu 95 Prozent reduzieren.

Thomas Stocker betonte die Bedeutung klarer Reduktionsziele. Diese müssten jährlich überprüft werden können. Es bringe nichts, grossartige Ziele für das Jahr 2020 zu formulieren und abzuwarten. Allein aufgrund der bisherigen CO2-Emissionen stiegen die Temperaturen um 0,6 Grad an. Laut Andreas Fischlin ist die Bevölkerung zu wenig vorbereitet auf die Klimaerwärmung, die im Gange ist. Noch würden viele hoffen, dass sich das Unvermeidliche vermeiden lasse. Angebracht wäre eine Diskussion über die Anpassungen, die in der Schweiz notwendig seien.

Viele offene Fragen

Diese Diskussionen laufen langsam an, entgegnete die Bundesrätin, zumindest im Volkswirtschaftsdepartement liegen manche Fragen vor: Wie können sich ehemals schneesichere Tourismusgebiete entwickeln? Ist in der Landwirtschaft künftig vermehrt Bewässerung notwendig und wird dafür genügend Wasser vorhanden sein? Werden Tierseuchen zunehmen?

"Veranstaltungen wie das Klimasymposium tragen zur Bewusstseinsbildung bei", merkte Doris Leuthard zum Schluss an. Es sei an diesem Abend klar geworden: egal, welche Massnahmen ergriffen würden, sie müssten schnell wirken.

 
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